Afghanistan: Partial Success or Predictable Failure?

"Das Afghanistan-Desaster", so der Titel einer ARD-Dokumentation, verlangt nicht nur von der Politik, dass aufgeabeitet wird und dass Lehren gezogen werden mögen, damit sich so etwas nicht wiederhole - auch die Friedens- und Konfliktforschung ist herausgefordert. Unter dem Titel "Peace- and Statebuilding in Afghanistan: Partial Success or Predictable Failure?" diskutieren ausgewiesene Kenner des Landes am 19. Oktober im Rahmen einer Online-Veranstaltung genau darüber. Das Kolleg veranstaltet dieses Panel in Kooperation mit dem Bonn International Centre for Conflict Studies (BICC).  

Der unrühmliche Abzug einer NATO-Allianz aus Afghanistan Ende August 2021 fordert die Friedens- und Konfliktforschung an einer Stelle heraus, die den Kern dessen berührt, was man in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt zu haben glaubte: eine Strategie, die Interventionen in aktuelle Konflikte  - und deren Befriedung - verbindet mit dem Aufbau zivilgesellschaftlich demokratischer Strukturen. Friedenserhaltende Maßnahmen sollten, so war die Vorstellung, mit Entwicklungsanreizen verknüpft werden mit dem Ziel, diese Gesellschaften nachhaltig zu stabilisieren. Die Anwesenheit ausländischer militärischer Verbände sollte über die Jahre eine Friedensdividende abwerfen. Interventionen wurden verknüpft mit humanitärer Hilfe, Bildung und Ausbildung. Beispielsweise verfügte die US-Armee über Teams für landwirtschaftliche Entwicklung. die in Afghanistan tätig waren. Politisch neutral ist das selten, aber es gibt ausreichend Beispiele dafür, dass die Verhältnisse vor Ort und die gesellschaftliche Teilhabe vormals marginalisierter Gruppen sich in bedeutender Weise weiterentwickelt haben.

Die akademische Forschung zur Friedensförderung (peacebuilding) als einem der Politikfelder im Fokus des Kollegs hat auf diese jüngsten Ereignisse reagiert. Sie hat früh darauf hingewiesen, dass man aus den Entwicklungen in Afghanistan Lehre ziehen müsse, insbesondere auch vor dem Hintergrund der Tatsache, dass das Geschehen in den Szenarien nicht vorkam und für die einschlägigen Think Tanks ebenso unerwartet kam, wie für die westliche Öffentlichkeit und allem Anschein nach, für die siegreichen Taliban selbst.

Das Kolleg hat unmittelbar nach den Ereignissen mit seinem Co-Direktor, Prof. Dr. Tobias Debiel, und dem ehemaligen Fellow Prof. Dr. Herbert Wulf über den Abzug aus Afghanistan und seine Folgen für die Entwicklungszusammenarbeit gesprochen (Interview Andrew Costigan).

Ende September haben die Herausgeber des Friedensgutachtens, einer Leitpublikation der deutschsprachigen Friedens-  und Konfliktforschung, eine Sonderstellungnahme verfasst: Nach dem Scheitern in Afghanistan: Lehren für die neue Bundesregierung. Die Botschaft ist klar:
 

Die neue Bundesregierung wird das krachende Scheitern des Westens am Hindukusch aufarbeiten müssen.

Die Forschungsinstitute warnen aber auch davor, allzu pauschale Schlüsse zu ziehen. Afghanistan-Erfahrungen seien nur bedingt auf andere Missionen übertragbar. Allerdings empfehlen sie nachdrücklich, ein unabhängiges und ressortübergreifendes Monitoring solcher Auslandseinsätze und die - militärischen - Ziele realistisch zu fassen. Eine Lehre aus dem Afghanistan-Einsatz, sei die Erkenntnis,
 

dass es ein Fehler war, vorrangig auf den Ausbau des Militärs und Polizeiapparates in dem Land zu setzen, gleichzeitig aber den zivilen Sektor zu vernachlässigen.

Wenn richtig ist, woran die Sonderstellungnahme festhält, dass nämlich
 

Langjährige Erfahrungen zeigen, dass multilaterale Einsätze in Postkonfliktstaaten dort tatsächlich den Frieden fördern und zum Wiederaufbau des Landes beitragen können.

dann gibt es mit Blick auf die vielfach bestürzenden Erfahrungen in Afghanistan eine Menge zu lernen.

Tobias Debiel hat nun zu einer Gesprächsrunde eingeladen, die sich einem solchen Lernprozess verpflichtet fühlt.
 

Peace- and Statebuilding in Afghanistan: Partial Success or Predictable Failure?

Am 19. Oktober diskutieren im Rahmen des 22. Käte Hamburger Dialogue ausgewiesen Kenner des Landes. Unter ihnen ist Nargis Nehan, die verschiedene Regierungen Afghanistans in leitender Position beraten hat. Seit 2017 im Ministerrang (Minister of Mines, Petroleum and Industries) verließ Nehan ihr Land im August 2021. Moderiert von dem Publizisten Andreas Zumach diskutiert Nehan mit Thomas Ruttig, Mitgründer und Co-Direktor des Afghanistan Analysts Network (AAN), Patricia Gossman, stellv. Direktorin der Asienabteilung von Human Rights Watch und Conrad Schetter (BICC). Begrüßung und Einführung durch den Co-Direktor des Kollegs, Prof. Tobias Debiel.


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