Demografie ist kein Schicksal: 'Global Political Demography Database' gestartet

Die Demografieforschung wird historisch von Fragen getrieben, die die Bevölkerungspolitik in einem bestimmten gesellschaftspolitischen Kontext als dringlich ansieht. In einer global vernetzten Welt stellen Unterschiede im Bevölkerungswachstum und in der Bevölkerungszusammensetzung Herausforderungen für Institutionen auf verschiedenen Ebenen der Regierungsführung dar. Die Diskussion über diese Herausforderungen wird erheblich erleichtert, wenn verlässliche Daten zur Verfügung stehen und die Beteiligten gemeinsam Zugang zu verifizierten Datensätzen haben. Kommunizierbare Datensätze sind eine Voraussetzung für die politische Entscheidungsfindung über Regierungsebenen und politische Grenzen hinweg.

Die frei zugängliche 'Global Political Demography Database' enthält erstmals globale Indikatoren aus Politik, Bevölkerungsentwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft zur Unterstützung der politisch-demographischen Forschung. Diese Datenbank wurde von Achim Goerres (Universität Duisburg-Essen, UDE) und Pieter Vanhuysse (University of Southern Denmark) zusammen mit einer Reihe von Kolleginnen entwickelt. Das Projekt wurde durch einen Workshop am Centre for Global Cooperation Research unterstützt.

Der veröffentlichte Datensatz (http://osf.io/xcvdh/) enthält politische und demografische, länderspezifische Daten, die aus internationalen Quellen (UN World Population Prospects, https://population.un.org/wpp/) für drei Zeitpunkte (1990, 2015, 2040-Projektion) zusammengeführt wurden. Es werden 236 Länder abgedeckt, und die gesammelten Informationen umfassen fallidentifizierende Informationen, demografische Themen (Altersgruppen, Geschlecht, Lebenserwartung pro Alter etc.), Migrationsdaten, Bildungs- und Armutsdaten, Kriminalitäts- und Justizcharakteristika, politische Aspekte (Qualitätsindikatoren, Wahlsystem, Wahlbeteiligung und umfragebasierte retrospektive Wahlbeteiligung für verschiedene Altersgruppen) sowie Wirtschaft und Ungleichheit (GINI-Index, Staatsausgaben im Gesundheitswesen, Renten). (Quelle: Codebuch 1.4)

Eine Strategie für Forscher könnte darin bestehen, Muster der Kovariation zwischen demographischen und politischen Indikatoren auszunutzen, wie die Autoren in einem vorveröffentlichten Einführungskapitel zeigen, indem sie die Wahlbeteiligung nach Altersgruppen mit der Migration in Beziehung setzen (4.3).

Das Datenbankprojekt wird begleitet, erweitert und mutmaßlich vertieft durch ein ambitioniertes Buchprojekt, einen Band, der bei Palgrave Macmillan open access veröffentlicht werden soll, im Einklang mit der Gesamtpolitik dieses Vorhabens und unterstützt von der UDE Universitätsbibliothek:


Achim Goerres und Pieter Vanhuysse (Hrsg.), Global Political Demography: The Politics of Population Change, Palgrave Macmillan, 2021


Diese Publikation wird sich zunächst mit der methodologischen Frage beschäftigen. Wie wirken sich die politökonomischen und politisch-soziologischen Eigenschaften einiger Bevölkerungsgruppen im Vergleich zu anderen - insbesondere in Bezug auf ihre numerische Größe und ihre politische Kapazität - über die Vermittlung politischer und institutioneller Prozesse auf die öffentliche Politik, das politische Handeln und die politische Ordnung aus? Wie kommt es dann zu verschiedenen Rückkopplungseffekten? Was können uns makrodemografische Profile über die politischen Probleme sagen, mit denen ein Land oder eine Makroregion 1990 konfrontiert war, heute konfrontiert ist und bis 2040 konfrontiert sein wird?

Anschließend wird ein umfassendes Bild der aktuellen Konstellationen in der politischen Demographie vermittelt, indem führende Sozialwissenschaftler*innen aus den unterschiedlichsten Disziplinen erstmals alle wichtigen politischen und politischen Aspekte des Bevölkerungswandels diskutieren, wie sie sich in den einzelnen großen Weltregionen unterschiedlich darstellen (UDE-Wissenschaftler mit Hyperlink): Nord- (Jennifer Sciubba) und Südamerika (Diego Wachs, Vitor Calvalcanti und Clara Galeazzi); Subsahara-Afrika und die MENA-Region (Christof Hartmann und Catherine Promise Biira); West- (Elias Naumann und Moritz Hess) und Ostmitteleuropa (Pieter Vanhuysse und Jolanta Perek-Bialas); Russland, Weißrussland und Ukraine (Rza Kazimov und Sergei Zakharov); Ostasien (Nele Noesselt, Axel Klein und Hannes Mosler); Südostasien (Patrick Ziegenhain); subkontinentales Indien, Pakistan und Bangladesch (K. S. James und Arun Balachandran); Australien und Neuseeland (Peter McDonald und Andrew Markus). Ergänzt werden diese makroregionalen Analysen durch übergreifende globale Analysen zu Migration, Religion und Armut sowie Altersprofile und innerstaatliche Konflikte. Stuart Gietel-Basten argumentiert in diesem Teil, dass die offensichtlichen demografischen Mühen vielleicht nachgelagerte Folgen breiterer institutioneller Fehlfunktionen sind: eher Symptome als Ursachen der anhaltenden Herausforderungen in unseren Gesellschaften.

Die Herausgeber sehen diese wesentlichen Erkenntnisse in ihrem Bemühen:
 

  • Die politischen Folgen und die politische Einbettung des Bevölkerungswandels liegen im Zentrum der Sozialwissenschaften insgesamt.
  • Bevölkerungswandel schafft kurzfristige und langfristige Herausforderungen, die beide politische Lösungen erfordern.
  • Politische Reaktionen auf Bevölkerungswandel verlaufen sehr kontextspezifisch, weil ihr Grad an "Problematik" sozial und politisch konstruiert ist. (Einführungskapitel, 17)


Dies kann als ein Augenzwinkern in Richtung institutioneller Gestaltung und interinstitutioneller Kooperation verstanden werden.
 

Während langfristige Bevölkerungsalterung und kurzfristige Migrationsschwankungen strukturelle Bedingungen darstellen, spielen politische Akteure eine Schlüsselrolle bei der (Fehl-)Steuerung, Manipulation und (Unter-)Planung des Bevölkerungswandels, was wiederum bestimmt, wie Bürger in verschiedenen Gruppen reagieren (aus dem Abstract des Buches).

Project Lead