Ein Moment in der Zeit: Venia Legendi für Frank Gadinger

Forschungsgruppenleiter Frank Gadinger, Mitglied der wissenschaftlichen Leitung des Kollegs seit dessen Gründung 2012, schloss sein Habilitationsverfahren mit einem Vortrag zum Thema "Donald Trumps Präsidentschaft: Einzelfall oder Krisensymptom der liberalen Demokratie?' am Institut für Politikwissenschaft, Fachbereich Gesellschaftswissenschaften, Universität Duisburg-Essen ab.


Für Gadinger gibt der Populismus Anlass zur Selbstkritik in der Politikwissenschaft:
 

Mein Eindruck ist, dass der Fokus stärker auf Ursachenforschung und Folgen für die liberale Demokratie liegt und weniger auf der Funktionsweise des Populismus selbst.

Er sieht hier aber auch die Chance zur Weiterentwicklung. Denn in vielen Teildisziplinen gäbe es mittlerweile ein Bewusstsein für die performative Dimension von Politik:
 

Aus meiner Sicht entwickelt sich gerade mit der Populismus-Forschung eine neues politikwissenschaftliches Forschungsfeld, das sich keiner Subdisziplin (Politische Theorie, Regierungssysteme) mehr zuordnen lässt. 

Franks Vortrag stellte eine einfache Frage: Warum ist Trump noch immer wichtig für unsere Forschung?

Seine These:
 

Trumps Regierungsstil verdeutlicht exemplarisch, wie die Erosion der Demokratie in der vermeintlich wenig relevanten Alltagspraxis von Tweets, visuellen Selbstinzenierungen und maskulinen Posen jenseits staatstragender Formen und Reden funktioniert und die Gewissheiten der liberalen Demokratie wie Gleichheit oder Minderheitenschutz schleichend aushöhlt.

Über die These hinaus lässt sich die zentrale Botschaft dieser Habilitationsvorlesung so beschreiben: Neue und möglicherweise anstößige Phänomene sind nicht einfach durch Rückgriff auf vorhandene Konzepte zu verstehen. Man muss 'heranzoomen' und die Praktiker kennenlernen, oder zumindest ihren performativen Output betrachten (was natürlich hässlich werden kann). Erst dann ist es möglich, Strukturen, Wiederholungen oder Ähnlichkeiten zu erkennen und ein wissenschaftliches Verständnis zu initiieren.

 

Gadinger interessierte sich schon früh für die Politik medialer Repräsentationen und Medienwirkungen. Wie es manchmal im Studium geschieht, mussten Beobachtungen und Erklärungen politischer Prozesse zunächst in kommunizierbare methodische Strategien innerhalb der Disziplin transformiert werden. Der Werkzeugkasten der Theorie der Internationalen Beziehungen schien damals begrenzt und Gadingers transdisziplinäre Offenheit - bei klarem Bekenntnis zur Home Zone der Politikwissenschaft - ermöglichte es ihm, gemeinsam mit Kolleg*innen eine Erweiterung des Werkzeugkastens zu suchen und schließlich zur Diskussion zu stellen. Dies ist ein Prozess, der sich über die Jahre entwickelt hat und noch andauert. Gadinger forschte ausgiebig zu politischen Narrativen, ein Feld, das sich bereits in seiner Dissertation an der Universität Frankfurt widerspiegelte ('Die Rechtfertigung von Außenpolitik: Eine interpretative Studie zur kulturellen Aushandlung des Narrativs "Krieg gegen den Terror" in den USA', 2012). Gadingers begann als Postdoc am Institut für Politikwissenschaft, NRW School of Governance, Universität Duisburg-Essen, als Teamleiter in der Forschungsgruppe "Politische Narrative". Anschließend wechselte er an das neu gegründete Käte Hamburger Kolleg / Centre for Global Cooperation Research und leitete dort die Forschungsgruppe 4: 'Paradoxien und Perspektiven der Demokratisierung'. Politische Narrative wurden zu einem wiederkehrenden Thema am Kolleg und eine Gruppe gleichgesinnter Forscher*innen hatte sich bereits gebildet, sichtbar zum Beispiel während eines Workshops 2015 mit dem Titel "Building Stories - Building Cooperation: The Role of Narrative and Fiction as Constitutive Elements in Politics". Eine starke Referenz ist seit langem der Literaturwissenschaftler Albrecht Koschorke (Universität Konstanz), und Gadinger machte diesen Einfluss sichtbar, als er den Leibniz-Preisträger Koschorke als Keynote-Speaker zur Tagung "Wettbewerb der Narrative: Zur globalen Krise liberaler Erzählungen / Competing Narratives: Zur globalen Krise liberaler Erzählungen" einlud. (2017, Berlin, eine Kooperation mit dem Goethe-Institut, der Heinrich-Böll-Stiftung und dem BDI Bundesverband der Deutschen Industrie).

Das Bedürfnis nach einem breiteren theoretischen und methodischen Rahmen einte zu dieser Zeit etliche jüngere Wissenschaftler*innen. Der Fokus auf Narrative löst an sich schon ein Interesse an der Analyse visueller Repräsentationen aus und scheint mit diesem Ansatz durchaus kompatibel. Die Untersuchung von Emotionen - ihren Motiven und Wirkungen - fügt einen weiteren Aspekt des Performativen von wachsender Bedeutung hinzu.

International Practice Theory von Christian Bueger und Frank Gadinger wurde 2014 veröffentlicht und erhielt 2018 eine zweite Auflage. Mit starkem Bezug auf die pragmatische Soziologie von Luc Boltansky liest sich diese Publikation wie ein Manifest für Forscher*innen, ihre Werkzeugkästen zu öffnen und methodologische Scheuklappen zu überwinden. Zeitgenössische Themen in global vermittelten politischen Diskursen sind fließend, durch vielfältige Querverbindungen gekennzeichnet und an materielle und mediale Bedingungen gebunden; die Akteure sind weit entfernt von den klaren rationalen Erscheinungsformen, die die Wissenschaft normalerweise unter die Lupe nehmen würde. Der Forschungsgegenstand kann und muss möglicherweise einen Einfluss auf die angewandte Methode (oder Methodenkombination) haben. Die Praxistheorie beschäftigt sich nach wie vor mit dieser Provokation.  Auf einer Online-Konferenz im Februar dieses Jahres wurden "New Voices in International Practice Research" vorgestellt und reflektiert. Frank Gadinger ist eine bereits etablierte Stimme in diesem Diskurs und seine wissenschaftlichen Wegbegleiter sind nie weit weg: Sebastian Jarzebski, Christopher Smith Ochoa und Taylan Yildiz (NRW School of Governance), Katja Freistein und Christine Unrau (GCR21), und weitere könnten genannt werden.

Dies ist auch ein Moment, um die Schönheit des gemeinsamen intellektuellen Prozesses in der wissenschaftlichen Forschung zu feiern. Wir wünschen Frank Gadinger weitere Zoom-in / Zoom-out Erfahrungen auf seiner wissenschaftlichen Reise und hoffen, dass er sich dieses Gespür für Werkzeuge bewahrt, die mehr sind als nice to have.