Eliten und Leute: Diskrepanz in der Wahrnehmung internationaler Organisationen

Jan Aart Scholte, Co-Direktor des Kollegs, ist Mitverfasser einer Studie mit Implikationen für Global Governance

In einer kürzlich im American Political Science Review veröffentlichten Studie wurden die gegensätzlichen Ansichten von Eliten und Bürgern über die wahrgenommene Legitimität internationaler Organisationen (IOs) untersucht. Der Co-Direktor des Kollegs, Jan Aart Scholte, hat zusammen mit den Co-Autoren Lisa Dellmuth, Jonas Tallberg und Soetkin Verhaegen eine nuancierte Analyse dieser Kluft vorgelegt und aus den empirischen Daten abgeleitet, was wir aus einem besseren Verständnis dieser Diskrepanz über die Global Governance lernen könnten.

Die Studie analysierte Daten, die von Eliten und Bürgern in fünf Ländern (Brasilien, Deutschland, den Philippinen, Russland und den Vereinigten Staaten) bezüglich der Wahrnehmung von sechs internationalen Organisationen erhoben wurden: dem Internationalen Strafgerichtshof (ICC), dem Internationalen Währungsfonds (IMF), den Vereinten Nationen (UN), der Weltbank (WB), der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Welthandelsorganisation (WTO). Die Werte der Bürger wurden durch den World Values Survey (WVS7: Oktober 2017 und Dezember 2019) gemessen, während die Werte der Eliten durch den LegGov Elite Survey gemessen wurden, der in den fünf Ländern zwischen Oktober 2017 und August 2019 durchgeführt wurde.

Den Autor*innen zufolge bietet der Artikel "die erste systematische vergleichende Analyse der Ansichten von Eliten und Bürgern über Global Governance" (1) und füllt damit eine Lücke in der Forschung, die sich bisher auf die nationale Ebene konzentriert hat, anstatt sich mit einem globalen, zwischenstaatlichen Phänomen zu befassen. Der ontologische Ausgangspunkt der Studie liegt auf der Ebene des Individuums, das "Legitimitätsüberzeugungen auf die Umstände der Person zurückführt, die sie vertritt, wie z.B. Interessenkalküle, politische Werte und Identitätskonstruktionen" (4). Unter Eliten werden diejenigen verstanden, die in den Bereichen Bürokratie, Wirtschaft, Zivilgesellschaft, Medien, politische Partei und Forschung tätig sind. Bürger*innen sind diejenigen, die außerhalb dieser Bereiche leben und arbeiten. Die Wahrnehmung der Legitimität von IO bezieht sich insbesondere auf das Ausmaß, in dem diese Eliten und Bürger*innen die Autorität einer IO für angemessen halten" (1). Die Daten zeigen eine überwältigende Tendenz, dass die Eliten die Legitimität dieser IO in höherem Maße als die allgemeine Öffentlichkeit wahrnehmen.

Diese Diskrepanz deutet darauf hin, dass die Global Governance mit Problemen der demokratischen Rechenschaftspflicht konfrontiert sein könnte, da die Eliten (die das globale Regieren leiten) den IO durchweg mehr Legitimität zusprechen als den Bürger*innen im Allgemeinen. Die Diskrepanz verdeutlicht auch eine bedeutende Herausforderung für die heutige internationale Zusammenarbeit, da die allgemeine Bevölkerung den IO offenbar skeptischer gegenübersteht als die Eliten. Die Diskrepanz verdeutlicht außerdem, warum populistische Politiker in der ganzen Welt davon profitieren können, wenn sie IO mit globalisierungsfeindlichen Botschaften ins Visier nehmen" (2).

Einige wichtige Schlussfolgerungen werden in dem Artikel beschrieben. Das Ausmaß der Kluft zwischen Eliten und Bürgern in einem bestimmten Kontext gibt Aufschluss über die "demokratische Rechenschaftspflicht" (15). Fälle, in denen sich die Meinungen der Regierenden und der Regierten immer mehr annähern, implizieren eine bestimmte Art von politischer Konstellation, die sich sowohl auf die nationale als auch auf die internationale Politik auswirkt. Passen die Eliten ihre Ansichten an die ihrer Wählerschaft an? Bei einer populistischen Regierungsführung (bei der die Kluft zwischen Bürger*innen und Eliten im Durchschnitt geringer ist) gewinnen Politiker viel Einfluss, indem sie beispielsweise an das Misstrauen der Bevölkerung gegenüber den internationalen Organisationen appellieren, um eine antiglobalistische Rhetorik zu betreiben. Andererseits könnte eine größere Kluft drastische Folgen für die globale Politik und Entscheidungsfindung haben, so dass die zwischenstaatliche Zusammenarbeit ins Stocken gerät und zur "Geisel der nationalen Unterstützung" wird (15).

Die Autor*innen schlagen vor, dass weitere Untersuchungen dieser Art notwendig sind, um die Dynamik der Kluft zwischen Eliten und Bürger*innen zu verstehen. Zukünftige Studien könnten zum Beispiel die Bandbreite der untersuchten Länder und IO erweitern und Erkenntnisse über die sich verändernden Dimensionen der Kluft im Laufe der Zeit und im geografischen Raum liefern. Abschließend schlagen die Autor*innen vor, "theoretische Komplementaritäten" zwischen Eliten und Bürger*innen zu untersuchen, anstatt stereotype Rivalitäten zu unterstellen, und betonen die "Bedeutung vergleichender Designs, um kontextgebundene und allzu vereinfachte Schlussfolgerungen zu vermeiden" (15).

Dellmuth, Lisa, Scholte, Jan Aart, Tallberg, Jonas, and Verhaegen, Soetkin (2021). 'The Elite–Citizen Gap in International Organization Legitimacy', American Political Science Review, 1–18. www.doi.org/10.1017/S0003055421000824.