Heinrich Barth und die respektvolle Begegnung mit dem Anderen

Der interdisziplinäre Gelehrte und Afrikaforscher Heinrich Barth (1821-1865), der zu Lebzeiten auf Gleichgültigkeit stieß und lange Zeit von Wissenschaftlern und der Öffentlichkeit nicht beachtet wurde, stand letzte Woche im Mittelpunkt eines von der GCR21 unterstützten internationalen Workshops. Bekannt für seine bahnbrechenden Reisen durch Afrika, die er insbesondere in seinen fünfbändigen "Reisen und Entdeckungen in Nord- und Zentralafrika" (1857-1858) dokumentierte, zeichnete sich Barth als respektvoller Beobachter des Lebens und der Kultur in den von ihm besuchten Gebieten aus. Manchmal wird er abschätzig als einfacher "Entdecker" Afrikas bezeichnet, doch er war auch ein früher "Proto-Anthropologe", Linguist und Universalgelehrter, der Bände von Briefen und Tagebüchern seiner Zeit verfasste und uns wertvolles Wissen über die afrikanische Kultur des 19. Jahrhunderts hinterließ, das sonst nicht dokumentiert worden wäre.

Barth, der dem aufkommenden europäischen Imperialismus seiner Zeit kritisch gegenüberstand, interessierte sich aufrichtig für die afrikanischen Kulturen und betrachtete Afrika nie als minderwertig gegenüber Europa. Im Gegenteil, er war sehr daran interessiert, die afrikanischen Kulturen und Sprachen zu verstehen, und sprach fließend verschiedene Dialekte des Arabischen sowie mindestens vier Stammessprachen Afrikas. So konnte er sich direkt mit den Völkern auseinandersetzen, mit denen er lebte und arbeitete. Mit seiner wissenschaftlichen Arbeit legte er den Grundstein für die Afrikastudien und die Linguistik und gab den Anstoß für eine Ethik der anthropologischen Praxis.

Inspiriert von dieser frühen und nachdenklichen Auseinandersetzung mit dem Anderen veranstaltete das Käte Hamburger Kolleg / Centre for Global Cooperation Research in der vergangenen Woche einen Workshop, der Themen aus Barths Praxis und Schriften aufgriff und sie mit der modernen Forschung zu Rasse, Religion und dem historischen Engagement des Westens in Afrika verknüpfte. Begleitet wurde der Workshop von zwei Sondervorträgen und einem von Heinrich Barth inspirierten KHK-Dialog: 'Black Memory and White Memory' (Public Keynote Lecture mit Prof. em. Dr. Wolfgang Reinhard, "Rassismusfreie Begegnungen mit dem Anderen? Reflexionen aus Vergangenheit und Gegenwart" (21. Käte Hamburger Dialog) und "Heinrich Barth und afrikanische Buchkulturen" (Public Keynote Lecture mit Prof. Dr. Shamil Jeppie). Nina Schneider, Mitarbeiterin des Kollegs, organisierte zusammen mit Christoph Marx (Universität Duisburg-Essen) und Stephanie Zehnle (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel) die Vorträge in Kooperation mit dem Heinrich-Barth-Institut (Universität zu Köln).

Der Workshop problematisierte die Konstellation von Barths multidisziplinärer Untersuchung und erweiterte den Diskurs um die Dynamik von Beobachter-Beobachtetem und von Selbst-Anderem. Die Schlussfolgerungen aus den verschiedenen Diskussionen betonten, dass kulturelles Verständnis von Mitgefühl und Respekt für regionale Praktiken geleitet sein muss. Diese Lehre sollte nicht nur für die künftige Forschung, sondern auch für die globale Zusammenarbeit im Allgemeinen gelten.

Barth muss sicherlich als eine Figur der afrikanischen "Proto-Anthropologie" verstanden werden, aber seine Arbeit wird immer noch kritisiert. Obwohl er seiner Zeit in mancher Hinsicht voraus war, litt seine Wissenschaft manchmal unter einem gewissen Ethnozentrismus, der typisch für die europäischen Untersuchungen über Afrika im 19. Seine Methodik betonte das Lernen von den Anderen und das Verstehen ihrer Systeme, und er dachte ständig über das Vokabular nach, das zur Beschreibung der Anderen verwendet werden sollte; es ist auch bekannt, dass er respektvoll auf eine Einladung in die Gesellschaften wartete, die er untersuchen wollte. Insgesamt war Barth eine prototypische Figur, die den Blick der proto-anthropologischen Forschung über koloniale und rassistische Auffassungen hinaus erweitert hat, aber auch hagiographische Darstellungen wären fehl am Platz.

Der prominente Barth-Forscher Christoph Marx hielt einen eloquenten Vortrag über die rassistischen Implikationen von Barths Engagement in Afrika. Marx führte eine sehr nuancierte Debatte darüber, ob Barth ein Rassist war oder nicht. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich Barth sehr von den Denkern seiner Zeit unterschied. Er reflektierte sorgfältig über die Kategorien, die er verwendete. Eine genaue Lektüre seines Werks zeigt eine gewisse Tendenz zu einigen Vorurteilen seiner Zeit, aber auch eine große Bewunderung für die afrikanische Kultur, die er nie als unvergleichbar mit der europäischen ansah. Marx hat außerdem kürzlich eine umfangreiche Sammlung von Barths Briefen veröffentlicht, die Licht auf den Mann und seine Bemühungen werfen, und die aktuellste und detaillierteste Biographie über Barth (Von Berlin nach Timbuktu: Der Afrikaforscher Heinrich Barth - Biographie; Wallstein Verlag, 2021)

Barth war kritisch gegenüber seinem eigenen Zeitgeist, glaubte an die Möglichkeit respektvoller Begegnungen und inspirierte so eine Zukunft rassismusfreier Interventionen und ethischer anthropologischer Forschung. Sein Vermächtnis, mit Respekt vor dem Anderen zu leben, und sein langfristiges Eintauchen in verschiedene Kulturen machen ihn zu einer Figur, die es wert ist, wieder aufgegriffen zu werden. Die Diskussionen, die während des Workshops geführt wurden, bieten einige Anhaltspunkte für künftige ethnografische Forschungen sowie einen Anstoß, diese in der europäischen Afrikaforschung übersehene Figur wiederzuentdecken. Sie werfen auch ein kritisches Licht auf vereinfachende postkoloniale Diskurse, die Protagonisten aus der Zeit der europäischen Expansion automatisch als Imperialisten und Rassisten denunzieren. Eine vertiefte Beschäftigung mit der Empirie beweist das Gegenteil - wie ein genauer Blick auf Barth immer wieder zeigt.