In Erinnerung an Elena Pulcini

Die Nachricht vom Tod unserer ehemaligen Gastwissenschaftlerin Elena Pulcini macht uns betroffen und traurig. Elena war Professorin für Sozialphilosophie an der Universität Florenz, aber auch öffentliche Intellektuelle, Mitglied der italienischen Grünen Partei und Erstunterzeichnerin des Konvivialistischen Manifests, eines Aufrufs zur Neuerfindung einer Kunst des Zusammenlebens, die Gemeinschaft, Individualität und Nachhaltigkeit miteinander vereinbart.

Ihr Fellowship am Käte Hamburger Kolleg / Centre for Global Cooperation Research verbrachte sie im Jahr 2014. Mit ihrem Projekt A Passion vor Giving verband sie zwei wichtige Schwerpunkte ihrer Arbeit, nämlich die soziale und politische Relevanz der Leidenschaften und die Theorie der Gabe im Sinne Marcel Mauss‘. Die Passionen wie Liebe, Empörung und Furcht ernstzunehmen ohne sie als gegeben und statisch zu verstehen, war ein Kernanliegen ihrer Philosophie. Als eine wichtige Aufgabe unserer Zeit sah sie es an, das „Fürchten (neu) zu erlernen“, und dabei unsere individuellen und kollektiven Ängste in die Fähigkeit zu transformieren, unsere gemeinsame Verwundbarkeit wahrzunehmen. Dies bildete für sie eine wichtige Grundlage für eine Ethik der Fürsorge und die Überwindung der modernen Illusion der Autonomie, sowohl des Individuums, als auch des modernen Nationalstaats, dargelegt unter anderem in ihren Monographien  Care of the World: Fear, Responsibility and Justice in the Global Age (Springer 2013) und Das Individuum ohne Leidenschaften (Diaphanes 2002). Ihre letzte Buchpublikation, Tra Cura e Giustizia: Le Passioni come Risorsa Sociale (Bollati Boringhieri 2020) widmete sich erneut der Frage der Leidenschaften und fragte: „Warum tragen wir Sorge für andere, auch wenn wir keine persönliche Verbindung zu ihnen haben? Warum kämpfen wir für Gerechtigkeit, wenn wir nicht direkt betroffen sind?“

Als Sozialphilosophin und als Feministin stand sie für eine besondere Perspektive am Kolleg, die sie in einen fruchtbaren Austausch mit soziologischen und anthropoligischen Ansätzen der Kooperationforschung brachte. Über die Jahre blieb sie im engen Austausch mit Mitgliedern des Kollegs, etwa durch gegenseitige Einladungen zu Konferenzen, Workshops und Publikationen. Unter anderem kehrte sie für die MasterclassGifts of Cooperation ins Ruhrgebiet zurück, eine einwöchige Veranstaltung in der Weltkulturerbestätte Zeche Zollverein, bei der Promovierende und erfahrene Wissenschaftler*innen zusammenkamen um über Marcel Mauss‘ Theorie der Gabe und ihre Bedeutung für die globale Kooperation zu diskutieren. 

Die Ethik der Fürsorge war nicht nur zentral für ihre Forschung, sondern stand auch im Mittelpunkt ihrer Lehre, ihres Mentorings und sozialen Engagements. Dies zeigte sich vor allem in ihrer großen Fähigkeit nicht nur zu diagnostizieren und zu analyiseren, sondern auch zuzuhören und zu ermutigen.


Christine Unrau