Neues von der Midterm-Konferenz: Tag eins

Polyzentrismus, Fantasien der Welterschaffung

Die Halbzeitkonferenz des Kollegs mit dem Titel "New Avenues of Global Cooperation Research" fand in einem hybriden Format am 15. und 16. November 2021 im Hüttenmagazin im Duisburger Lanschaftspark Nord statt und wurde durch die Online-Kommunikation mit verschiedenen Wissenschaftler*innen aus aller Welt erweitert. Am ersten Tag wurden in fünf Panels lebhafte Debatten geführt: über transdisziplinäre Begegnungen am Kolleg, über Polyzentralität als Konzept für die Untersuchung globaler Zusammenarbeit heute, über kritische Fantasie und Vorstellungskraft als Triebkräfte der Welterschaffung, über das Konzept der planetarischen Kultur und neue Perspektiven der Internet-Governance. Im Folgenden gehen wir auf ausgewählte Panels näher ein.

Der erste Konferenztag begann mit einer von Frank Gadinger und Jan Art Scholte geleiteten Reflexion über polyzentrische Governance, die einen Einblick in das Bestreben des Kollegs gab, die Fluidität der Regulierungskräfte sowie die Vielzahl der Autoritätszentren zu verstehen. Das Roundtable-Gespräch bot Erkundungen des Polyzentrismus als Konzept, seiner empirischen Anwendung und seiner Beziehung zum Aufbau von Demokratie; die Forschungsergebnisse des Gremiums zum Polyzentrismus wurden in einem International Studies Review Forum veröffentlicht.

Maria Koinova, die Organisatorin des Forums, erläuterte zu Beginn des Panels das Konzept des Polyzentrismus als geordnetes Chaos in einer immer komplexer werdenden Governance. Während das Konzept bisher hauptsächlich für die Erforschung der Klimagovernance verwendet wurde, bot Koinovas Präsentation eine neue Perspektive auf die Anwendung des Polyzentrismus, indem sie die Transitmigration und die Governance der Diaspora untersuchte. Sie präsentierte einen relationalen Ansatz zur Untersuchung regionaler Prozesse durch die Linse des Polyzentrismus, um die sozialen Kräfte und Beziehungen zu beleuchten, die die Entscheidungsfindung motivieren. Zeynep Sahin-Menuctek erläuterte die Techniken der polyzentrischen Governance-Theorie und wies auf bestimmte blinde Flecken des Konzepts hin, indem sie die aktuelle Diskussion um die Flüchtlinge an der weißrussisch-polnischen Grenze hervorhob. Sie erläuterte weiter, dass der Polyzentrismus die komplexe Dynamik der verschiedenen Akteure, wie z. B. der öffentlichen Behörden, des Europäischen Gerichtshofs, der Medien und der NRO, verdeutlichen kann. Das Konzept hat jedoch einen blinden Fleck, wenn es sich an der Zeitlichkeit einer eingehenden historischen Analyse orientiert. Jens Steffek schloss das Podium mit einer Diskussion über seine Forschungen zu Normen als Mittel zur Herstellung von Ordnung am Beispiel von Good-Governance-Standards. Er argumentiert, dass deren Übernahme durch private Akteure einen positiven Effekt auf die Rechenschaftspflicht haben kann. Die Frage der demokratischen Einbettung sei jedoch problematisch, da die Macht in einem demokratischen System dazu gedacht sei, das Volk zum Urheber der Politik zu machen, während in der polyzentrischen Governance viele verschiedene Akteure an den Ergebnissen der Governance beteiligt seien.

Der erste Konferenztag wurde mit einer Erkundung des neuen globalen Konzepts fortgesetzt. Der runde Tisch wurde von Christine Unrau und Katja Freistein moderiert, die den Diskussionsteilnehmern provokante Fragen stellten: Auf welche Weise können sich die Menschen eine andere Zukunft vorstellen und wie können wir auf unseren Ideen aufbauen, um kollektives Handeln zu inspirieren? Inanna Hamati-Ataya beantwortete diese Fragen mit einer Provokation an das Publikum, indem sie es aufforderte, über seine Vorstellungen von der Vergangenheit nachzudenken und sich von Zukunftsvorstellungen zu lösen, die auf dem beruhen, was man in der Vergangenheit für möglich gehalten hat. Sie argumentierte, dass auf diese Weise neue Varianten des Möglichen erreicht werden können. Tamirace Fakhoury diskutierte politische Imaginationen anhand des Verständnisses von Flucht und Asyl, das von verschiedenen Staaten instrumentalisiert wird. Sie wies darauf hin, dass die politische Kreativität genutzt wurde, um aktuelle Probleme durch vergangene Vorstellungen von Vertreibung zu umrahmen und die Gesamtsituation düsterer erscheinen zu lassen. Terry Macdonald schlug vor, dass wir uns darauf konzentrieren sollten, kreatives Handeln zu erreichen, das sich im Gegensatz zu rationalem Handeln von definierten Identitäten entfernt und somit versucht, das dargestellte Problem zu definieren, bevor es zu lösen versucht wird. Ayşem Mert wies darauf hin, dass Imaginäres überall vorhanden ist, was bedeutet, dass Mythen, Utopien und Legenden eine Möglichkeit bieten, Krisen und neue Formen der Zusammenarbeit zu organisieren. Sie erläuterte, dass Krisen die Menschen dazu motivieren, zusammenzukommen, verschiedene Wege der Zusammenarbeit zu erkunden und sich eine Zukunft vorzustellen, und untersuchte, wie Fantasien zur Welterschaffung beitragen können.


Jasmin Schmitz