Neueste Quarterly-Ausgabe: 'Practice Theory and Security Studies'

In einem neuen Blogbeitrag bewertet Sebastian Schindler die Merkmale des "practice turn" in den Internationalen Beziehungen und behauptet, dass "unsere theoretische Skepsis nicht unser Studium konkreter Instanzen der Veränderung begraben darf, in denen Menschen ihre Fähigkeit zur Freiheit manifestieren". Schindler scheint auf einen wesentlichen Aspekt des practice turn hinzuweisen, eine grundlegende Rehumanisierung des Studienobjekts, die untrennbar mit gelebter Erfahrung und menschlichem Streben verbunden ist.

Die jüngste Ausgabe von Global Cooperation Research - A Quarterly Magazine des Kollegs versucht, die Entwicklungen in der Praxistheorie zu untersuchen und zu vertiefen. Der Anstoß für diese Ausgabe war die Konferenz "New Voices in International Practice Research" im Februar 2021, der von Frank Gadinger und Christian Bueger mitorganisiert und vom Kolleg ausgerichtet wurde. Diese Konferenz löste eine lebhafte Debatte aus und entfachte das Interesse an einer Erkundung von Themen der Security Studies aus dem Blickwinkel der 'practice theory'. Die Beiträge in diesem Heft versuchen, nuancierte Antworten auf die Fragen zu geben: "Was bedeutet es, in einer Zeit zu forschen, in der das Sammeln von Daten vor Ort so gut wie unmöglich ist?", "Wie können wir die Praxistheorie nutzen, um die sich schnell verändernden Sicherheitspraktiken von Staaten in Einklang zu bringen und zu verstehen?", "In welche neuen Richtungen bewegen sich die Methoden der Praxistheorie, und "Wie kann die Disziplin vor Stagnation geschützt werden?"

Die Covid-19-Pandemie bildet notwendigerweise ein Hintergrund für alle Beiträge. So bedrohlich und allgegenwärtig dieses Thema auch ist, so fungiert es hier doch als Motivationsfaktor für eine erneute Überprüfung der Art und Weise, wie praxistheoretische Forschung betrieben, eingesetzt und wie darüber geschrieben werden soll. In seinem einleitenden Beitrag für diese Ausgabe bekräftigt Frank Gadinger den Begriff der "praxiographischen Forschung", "die ein fortlaufender Prozess zwischen empirischer Arbeit und konzeptioneller Verfeinerung ist" (4[1]). Es ist dieser Zyklus aus praktischer Feldarbeit und ständiger theoretischer Überarbeitung, der die Grundlage für einen dynamischen und reaktionsfähigen methodischen Ansatz in der IR-Forschung bildet.

Die Autoren dieser Ausgabe haben verschiedene Texte vorgelegt, die gleichzeitig ihren jeweiligen Gegenstand untersuchen und Schlussfolgerungen liefern, die die Frage "Warum Praxistheorie?" beantworten. Ingvild Bode schlägt vor, den Korpus der 'kanonischen' Praxistheoretiker zu erweitern, um 'ungewöhnliche Analysen empirischer Rätsel' einzuladen (10).  Marion Laurence plädiert dafür, dass die Dynamik und Nuanciertheit der Praxistheorie wesentlich für das Verständnis der ständigen Weiterentwicklung von Ansätzen für risikoreiche Friedenseinsätze sei (12). Lou Pingeot hebt hervor, wie die intrinsische Verbindung zwischen "Regieren im Inland und Intervenieren im Ausland" (15) am besten durch Praxismethodologien beleuchtet wird. In ihrer Konzeption zum "Paradigma der Prävention" nutzen Pol Bargués und Jessica Schmidt die Praxistheorie, um das logische Rätsel, das das "Streben, das Unendliche aufzuhalten und die Katastrophe zu antizipieren", impliziert, effektiv zu beleuchten (18). Schließlich bieten Max Lesch und Dylan M.H. Loh Beispiele für angewandte Praxistheorie in ihrer Untersuchung von Chinas Belt and Road Initiative, wobei sie sich vor allem darauf konzentrieren, wie das Konzept der überlappenden Felder zu einem klareren Verständnis der Konstitution von Praktiken führen kann.

Ein faszinierendes Interview mit den neuen Centre Fellows Rita Abrahamsen und Michael C. Williams bildet den krönenden Abschluss des Heftes und liefert eine ausführliche Darstellung der Funktion der Praxistheorie in der aktuellen Forschung der Security Studies. Abrahamsen und Williams antworten auf Fragen der Methodologie mit Beispielen aus ihrer praktischen Forschung; ihre Einschätzungen des sich ständig verändernden Bereichs der Sicherheit scheinen die Notwendigkeit eines praxistheoretischen Ansatzes in all seiner Dynamik und Flexibilität zu implizieren. Die Interviewpartner sprechen auch die Probleme der Fernforschung an - eine Situation, in die viele Forscher seit Beginn der Pandemie gezwungen sind.

Neben dem Schwerpunkt enthält diese Ausgabe auch einen Bericht von Centre Fellow Alena Drieschova über ihr Forschungsprojekt zu "Repräsentanten und internationalen Ordnungen". Drieschova greift das Konzept der Repräsentanten als Faktoren auf, die zu einem gemeinsamen Verständnis darüber beitragen, wie globale Institutionen funktionieren und wie sich ihre Akteure verhalten. Im Zentrum der Analyse stehen Fragen der Weltordnung, die Drieschova aus einer historischen Perspektive untersucht. Schließlich hat Christine Unrau eine bewegende Würdigung der Alumni-Fellow des Kollegs und Professorin für Sozialphilosophie an der Universität Florenz, Prof. Elena Pulcini, beigesteuert. Professorin Pulcini wird nicht nur für ihre Arbeit über die Ethik der Pflege in Erinnerung bleiben, sondern auch für ihre Fähigkeit zuzuhören und zu ermutigen (30).

Die Ausgabe enthält eine vollständige Liste unserer Frühjahr/Sommer 2021 Fellows, zusammen mit ihren Forschungsprojekten und Gruppenzugehörigkeiten. Dies ist auch die erste Ausgabe, die wir im HTML-Format bereitstellen, um den Lesern den Zugriff auf das Gerät ihrer Wahl zu erleichtern. Im Hinblick auf die Fortführung des PDF-Formats werden die Artikel sowohl als Teil der Gesamtpublikation als auch auf der jeweiligen Seite einzeln zur Verfügung gestellt.