Regieren nach Covid?

Ein Bericht vom zweiten Tag

Die Jahreskonferenz der Society for Advancement of Socio-Economics (SASE) bietet den Teilnehmern weiterhin die Möglichkeit, an zum Nachdenken anregenden Panels teilzunehmen. Das diesjährige Thema befasst sich mit den Auswirkungen, die die Pandemie auf das Leben aller Menschen hatte und immer noch hat. Die Konferenz eröffnet einen Dialog über Veränderungen in der Regierungsführung vor dem Ausbruch der Krankheit, der allen Beteiligten Denkanstöße für mögliche Entwicklungen nach Covid gibt. Am Samstag gingen die Panelisten der Frage nach, wie sich das Regieren verändert und welche Herausforderungen sich daraus für die beteiligten Akteure ergeben.

Das Panel Polycentrism: How Governing Works Today bot den Teilnehmer*innen einen Einblick, wie neuartige Formen des Regierens weltweit mit Recht und Legitimität verwoben sind und wie sie durch die Linse des Polyzentrismus entpackt werden können. So gab der Vortrag von Frank Gadinger den Zuhörern einen Überblick über das Konzept des Polyzentrismus und erklärte, dass es versucht, den Bedarf an neuen Theorien zu decken, um neuartige Phänomene wie das Regieren durch Normen oder Algorithmen zu erfassen. Er führte weiter aus, dass die Ordnung innerhalb neuartiger Regierungsumstände durch Experimentieren gesucht wird. Die entstehenden Phänomene werden jedoch selten in einem interdisziplinären Kontext untersucht; das Studium des Polyzentrismus soll als Dach dienen, um die Vollständigkeit des sich ständig bewegenden Regierens zu erfassen. Fariborz Zelli skizzierte weiter, was dies für die Möglichkeiten und Beschränkungen des politischen Handelns bedeutet. Er argumentierte, dass durch eine immer größer werdende Vielfalt an internationalen Institutionen die Komplexität von Global Governance zunimmt. Daher müssen sich Akteure unterschiedliche epistemische Fähigkeiten aneignen, um sich an institutionelle Nischen anpassen zu können. Jothie Rajah analysierte den Polyzentrismus durch einen rechtssoziologischen Ansatz, der darauf abzielt, das Recht in Beziehung zu allem Sozialen zu sehen; in diesem Zusammenhang skizzierte sie den Fall der Landnahme in Uganda. In diesem Zusammenhang skizzierte sie den Fall der Landnahme in Uganda und argumentierte, dass durch die Pluralität des Rechts die Vertreibung von Menschen und spätere Besiedlung ein Produkt des Regierens durch Gewalt einerseits und des Regierens durch Präsentation andererseits sei. Alejandro Esguerra schloss das Panel mit einer Untersuchung der Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) und der Frage, wie in der modernen Politik Macht abgeleitet wird. Er argumentierte, dass die Verifizierung von Wissen durch technologische Expertise angetrieben wird. Folglich wird die Politik von der Macht beeinflusst, Entitäten ontologisch zu konstruieren und von der Macht, Legitimität durch Beweise zu produzieren.

Für alle, die mehr über Polyzentrismus erfahren wollen, bot dieses Panel einen Einblick in ein bald erscheinendes Buch, das von Forschern des Centre for Global Cooperation Research mit herausgegeben wird.

Das Panel Roundtable: Alternatives to a Failed Economy: The New System that Can Emerge from the Covid-19 Devastation entwickelte die Diskussion über veränderte Formen des Regierens weiter, indem es den neoliberalen Kapitalismus in Frage stellte. Während es derzeit schwierig erscheint, sich vorzustellen, wie wir aus dieser Krise herauskommen können, boten die Referent*innen dieses Panels zum Nachdenken anregende Alternativen zu den derzeitigen Systemen.  Marvin Brown zog eine Lehre der Gemeinschaft aus der Pandemie und argumentierte, dass die Öffentlichkeit für das Zusammenleben essentiell ist. Er schlug daher vor, dass eine gerechtere und nachhaltigere Art des Zusammenlebens durch zivilgesellschaftliche Gespräche über die Versorgung und den Schutz des anderen erreicht werden kann. In einer Wirtschaft, die auf Versorgung basiert, sollte Geld als Tauschmittel und nicht als die Versorgung selbst betrachtet werden. Kali Akunos Lehre aus der Pandemie war, dass die Menschen Wege finden werden, sich zu engagieren, aber auch, dass schwerwiegende Veränderungen in der globalen Wirtschaft möglich sind, wenn die Bereitschaft dazu gefunden werden kann. Er argumentiert, dass das Abschalten der Wirtschaft im Jahr 2020 Auswirkungen auf die Art und Weise haben wird, wie die Diskussion um Klimagerechtigkeit geführt wird. Kali Akuno führte weiter aus, dass gegenseitige Hilfsmaßnahmen, ein größeres Maß an Ernährungssouveränität, eine verstärkte Organisation der Arbeiter und eine ökologische Gemeinschaftsproduktion, wie sie während der Pandemie beobachtet wurden, treibende Kräfte für einen gesellschaftlichen Wandel nach der Pandemie sein können. Riane Eisler argumentierte, dass die Pandemie gezeigt habe, dass die Wirtschaft nicht belastbar ist, dass aber, um das bestehende System zu verändern, hinterfragt werden müsse, was als wertvolle Arbeit in der Wirtschaft zählt. Mit dem Argument, dass Care-Arbeit für die Gesellschaft und das Wohlergehen des Planeten von grundlegender Bedeutung ist, sollte auf dieser Basis eine partnerschaftliche Wirtschaft aufgebaut werden. Diese Ideen werden in ihrem Buch weiter ausgeführt; zum Abschluss der Sitzung wies Riane Eisler darauf hin, dass die Pandemie als eine Chance gesehen werden kann.


Von der Konferenz: Jasmin Schmitz