Viele Gesichter und mehr als nur ein Weg: Digital Data Governance

Das Kolleg wird Ansätze für eine globale Zusammenarbeit für einen spezifischen, aber entscheidenden Bereich des Internets diskutieren: digitale Daten. Globale Datenkooperation ist ein Thema im Trend, aber die wissenschaftlichen und politischen Debatten entwickeln sich wiewohl schnell, so doch oft voneinander abgeschottet. Ein internationaler Workshop zum Thema "Digital data governance: frameworks, technologies and controversies" im Juli wird Perspektiven und Ansätze sammeln und auswählen, einberufen von der Forschungsgruppe "Digital Data Governance" des Kollegs.  

Das Thema gewinnt an Schwung. Allein in der EU wurden im Laufe des Jahres 2020 eine europäische Datenstrategie, ein Gesetz für digitale Dienste und ein Gesetz für digitale Märkte vorgeschlagen, die auch in das KI-Whitepaper der EU eingebettet sind. Unterdessen hat China Daten als neuen Produktionsfaktor (zusammen mit Kapital, Land, Arbeit und Technologie) aufgeführt und versucht, neue "Datenmärkte" zu schaffen. Der Prozess des UN-Generalsekretärs zur digitalen Zusammenarbeit hat die Daten-Governance als Querschnittsthema in den Vordergrund gestellt, insbesondere bei der Schaffung von digitalen öffentlichen Gütern.

Es gibt keinen einheitlichen Ansatz oder ein einheitliches Verständnis davon, was digitale Daten-Governance ist, weder konzeptionell noch aus politischer Sicht. Wie man im Zentrum sieht, ist die Frage, wie Daten im digitalen Raum verwaltet werden, grundsätzlich ein polyzentrisches Thema. Polyzentrische Governance beinhaltet verschiedene Akteurskonstellationen, die mit multiplen Rationalitäten, normativen Orientierungen, ethischen Bedenken, Technologien und institutionellen Arrangements operieren. Die Theorie der polyzentrischen Governance wurde verwendet, um insbesondere das Eigentum an digitalen Daten und Vorschlägen aus einer Common-Pool-Ressourcen-Perspektive (Ostrom) zu behandeln, insbesondere in Form von Data Commons, Data Trusts und "Datensouveränität" aus rechtlicher Perspektive (Delacroix, Lawrence). Dennoch ist die rechtliche Analyse keineswegs losgelöst von sozialen, ethischen, ökonomischen, politischen, technischen und normativen Aspekten der Data Governance. Um das Spektrum der Perspektiven auf Data Governance zu erweitern, sollten auch verstreute Formen der technischen Zusammenarbeit von Unternehmen, Bürgern und der Zivilgesellschaft in den Fokus rücken, um Einblicke in sich überschneidende Formen der Governance zu gewinnen. So sind beispielsweise traditionelle rechtliche Ansätze von Eigentums- und Verfügungsrechten über Daten im digitalen Raum in der Praxis stark umstritten, wie im Fall der sogenannten "Smart Cities". Die Verwaltung von datenbasierten Technologien in städtischen Umgebungen, die über Sensoren von Behörden und Unternehmen gesammelt werden, impliziert unterschiedliche Formen des Wissens und der Zustimmung der Bürger zu den von ihnen generierten Daten, was die Herausforderungen für die (globale) Zusammenarbeit rund um das Thema unterstreicht.

Ein weiterer Aspekt betrifft die ontologische Qualität der Daten selbst. Daten werden sowohl regiert als auch regieren sie selbst. Darüber hinaus stellen die adaptiven und schnell expandierenden Qualitäten von Daten eine Herausforderung für das Verständnis von Governance in und von komplexen sozio-technischen Systemen dar. Eine relationale Sichtweise von Daten, die sich selbst in Bezug auf andere Daten regieren, wird in Betracht gezogen und mit Debatten über polyzentrische Governance verbunden, um die unterschiedlichen und sich manchmal überschneidenden Datenakteure und die sie betreffenden Prozesse zu erfassen. Einige dieser Mechanismen haben einen stärkeren Fokus auf das soziale und institutionelle Engineering, wie z. B. die Open-Data-Bewegung. Andere haben sich mehr oder weniger autonom und anarchisch entwickelt, wie z. B. die Blockchain-Technologien oder die Störung früherer Modelle der Standard-Interoperabilität (wie beim Internet der Dinge).
 

Die Gruppe wird sich (unter anderem) mit diesen Fragen beschäftigen:
 

  • Ist eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen Akteuren auf globaler, nationaler und subnationaler Ebene für Data Governance möglich bzw. wünschenswert?
  • Was ist/könnte die Rolle der verschiedenen internationalen Organisationen bei dieser Herausforderung sein?
  • Wie beeinflussen unterschiedliche Technologien wie Künstliche Intelligenz (KI), Blockchain und Internet der Dinge (IoT) unterschiedliche Data-Governance-Arrangements, Konzeptualisierungen und Anliegen?
  • Wie wirken sich zeitgenössische digitale Data-Governance-Arrangements auf einige Akteure/Gemeinschaften mehr aus als auf andere?
  • Wie untergraben zeitgenössische digitale Data-Governance-Ansätze und -Praktiken die Legitimität in der IKT-Nutzung?

Forscher*innen können sich an die Mitglieder der Forschungsgruppe wenden. Das Kolleg wird mehr zu diesem Thema berichten. Bleiben Sie also auf dem Laufenden.


Referenzen

Delacroix, S.; Lawrence, Neil D. (2019). Bottom-up data Trusts: disturbing the 'one size fits all' approach to data governance, International Data Privacy Law, Band 9, Ausgabe 4, November 2019, Seiten 236-252.

Gadinger, F.; Scholte, J.A. (eds) (forthcoming). (DIS)ORDER: Techniques, Power and Legitimacy in Polycentric Govening, Oxford University Press.

Ostrom, E. (2005). Understanding institutional diversity. Princeton NJ: Princeton University Press.