Visualität und Emotionen in der internationalen Politik

Amya Agarwal, Katja Freistein und Christine Unrau sprechen über ihren bevorstehender Workshop und wie dieses Thema mit der Forschungsagenda des Kollegs zusammenhängt


Visualität und Emotionen in der internationalen Politik? Aus praktischer Sicht mag es scheinen, dass sie allgegenwärtig sind, aber im Bereich  fundierter Forschung sind die Beispiele rar gesät. Eine Zeit lang wurde die Sozialwissenschaft von ihrem Fokus auf die Rational-Choice-Theorie dominiert. Der Missbrauch von Emotionen in der totalitären Propaganda ließ Wissenschaftler*innen davor zurückschrecken, sich mit der Rolle von Visualität und Emotionen im weiteren Sinne zu beschäftigen.

Aber es gibt noch einen anderen Pfad der Forschung: Kunstgeschichte, Kulturwissenschaften, Anthropologie und ein Interesse an gegenkulturellen Bewegungen und Akteuren jenseits des etablierten institutionellen Rahmens. In jüngster Zeit haben postkoloniale Studien Ansätze aufgewertet, die sich auf Materialität, Praktiken und Motivationen konzentrieren.

Die Anwendung dieser Perspektive in der Forschung zu internationalen Beziehungen (IR) ist noch überschaubar. Am Kolleg wächst das Interesse an diesen Ansätzen seit einiger Zeit und hat bereits wegweisende Publikationen über Narrative, Emotionen und die visuellen Strategien populistischer Bewegungen hervorgebracht. Diese Forschung spricht auf provokante Weise einige klar definierte Forschungsthemen und Politikfelder in der Forschungsagenda des Kollegs an.


Die Entstehungsgeschichte des Workshops

Der Workshop mit dem Titel Visualität und Emotionen in der internationalen Politik wird von Amya Agarwal, Katja Freistein und Christine Unrau mitorganisiert. Agarwal, derzeitig Fellow am Kolleg, und die Forschungsgruppenleiterinnen Freistein und Unrau teilen das Interesse an Emotionen und Visualität als bedeutsame Komponenten im internationalen Politikdiskurs. Die Zusammenarbeit mit dem Transnational Hub of Doing International Political Sociology, einem Netzwerk von Forschern, die sich um die Einführung von mehr soziologischem Denken in den IR-Diskurs bemühen, schien eine gute Gelegenheit, die Debatte zu eröffnen. Mit diesem Partner und dieser Plattform schafft der Workshop ein vielfältiges und interdisziplinäres Programm. Freistein zeigt sich überzeugt von dieser Konstellation:
 

Da wir den neuen Forschungsstrom zu Konzeptionen von Weltordnung starten, ist dies eines der Interessen, die wir aus der vorherigen Phase mitnehmen, nicht nur als methodologische Brücke zu den Geisteswissenschaften, sondern auch als Möglichkeit, diese Art von nicht-elitären Foren der internationalen und globalen Politik zu erforschen.



Der Stand der Wissenschaft

Wie ist der Stand der wissenschaftlichen Debatte im weiteren Sinne? Gibt es Widerstand gegen die Erforschung von Visualität und Emotion im politischen Bereich? Das Visuelle bildet bislang noch eine recht kleine Unterströmung in der politischen Theorie. Christine Unrau erklärt, dass ein Großteil des politischen Denkens der Nachkriegszeit damit beschäftigt war, rationale Regeln für die Interaktionen zwischen politischen Führern und Bürgern wiederherzustellen.
 

Alles, was nach emotionaler Manipulation oder Propaganda roch, wurde mit großem Misstrauen betrachtet, so dass es diese sehr langsame Gegenbewegung hin zu einer Einschätzung der positiven Rollen gab, die Emotionen spielen können.

Katja Freistein findet, dass sowohl Emotionen als auch Visualität oft trivialisiert werden, weil sie "nicht einfach zu einer abhängigen oder unabhängigen Variable gemacht werden können - sie widersetzen sich dieser Art von Logik". Aber sie identifiziert auch eine Forschungslandschaft in Großbritannien, in der diese Studien im Vergleich zu Deutschland oder den USA eher Mainstream sind. Mehr als jedes andere Feld hat die Geschlechterforschung diese Einseitigkeit eines traditionell dominanten Ansatzes kritisiert. Amya Agarwal weist darauf hin, dass feministische und Gender-Studies-Wissenschaftler*innen Konzepte wie Emotionen und Visualität seit langem als Teil jener alternativen Diskurse erforschten, die allmählich in den Vordergrund traten und begannen, Einfluss auf bestehende Forschungsmethoden zu nehmen.

Die visuellen und emotionalen Wendungen in den Internationalen Beziehungen, erklärt Christine Unrau, sind sehr stark mit Forschern wie Roland Bleiker und auch Emma Hutchinson verbunden, die wir erfreulicherweise demnächst als Referentin am Kolleg begrüßen dürfen (April 2021). Wenn sie über interdisziplinäre Verbindungen spricht, betont sie den Wert von Kunstgeschichte und Ikonographie, aber auch des Films. Methodologien wie die narrative Analyse werden einen anderen Blickwinkel auf die Performativität von Emotionen und visuellen Strategien einbringen. Katja Freistein und Frank Gadinger haben bereits einige methodische Arbeiten in diese Richtung geleistet. Amya Agarwal steuert eine friedensfördernde und feministische Perspektive bei. Christine Unrau beschäftigt sich in ihrer aktuellen Arbeit mit Emotionen im Kontext von Migrationsdebatten.


Ein nicht-konventioneller Ansatz und die Forschungsagenda des Kollegs

Wie passen die nicht-konventionellen Ansätze in den Gesamtrahmen der Forschung des Kollegs? Amya Agarwal erklärt, dass ihre Forschung eine ethnographische Methodik verwendet, um den geschlechtsspezifischen Charakter von Konflikt- und Widerstandsbewegungen aufzudecken.
 

Ich denke, dass visuelle Darstellungen sehr wichtige Indikatoren sind, und sie bieten eine Art von Weg, um zu verstehen, wie globale Zusammenarbeit auf informellere Weise funktioniert.

Christine Unrau weist darauf hin, dass diese neuen Ansätze bereits bei der Formulierung des Forschungsstrangs 'Globale Kooperation und unterschiedliche Konzeptionen von Weltordnung' (2021–24) anerkannt und berücksichtigt wurden.
 

Wir unterscheiden zwischen Praktiken der Welterzeugung und Praktiken der Weltordnung, und tatsächlich spielen für beide Praktiken Emotionen und Visualität eine große Rolle: Sie sind wichtig dafür, wie wir uns als Menschen begreifen und wie wir Zugehörigkeit verstehen. Die Hinwendung zum Emotionalen ergänzt den traditionellen Fokus auf das Rationale um eine nuanciertere Anthropologie. Das bedeutet natürlich nicht unbedingt, dass wir vom Fokus auf das Rationale nun einfach zu einem neuen Fokus auf Emotionen als Treiber von Entscheidungen übergehen. Zu Beginn des Zentrums, als wir uns mit Kultur beschäftigten und die essentialisierte Vorstellung von "unterschiedlichen Kulturen", die die Zusammenarbeit behindern, anzweifelten, würden wir vielleicht in ähnlicher Weise an Ideen von Emotionen herangehen und sehen, wie Emotionen in Praktiken konstituiert werden.

Beiträge des Kollegs


Amya Agarwal
Graffiti, Gender und Emotionen in der kaschmirischen Widerstandsbewegung

Ich glaube, dass visuelle Darstellungen in Form von Graffiti und Wandmalereien signifikante politische Akte im Kaschmir-Konflikt sind. Ich biete eine intersektionale Analyse von Gender und Emotionen in der Straßenkunst. Dabei untersuche ich zwei Bilder aus dem kaschmirischen Widerstand. Das erste ist ein Bild von Graffiti (und Gegengraffiti), das die Auseinandersetzung zwischen den Widerstandskämpfern und den staatlichen Sicherheitskräften zeigt. Das zweite ist ein Wandbild einer trauernden Mutter mit einer Waffe, anhand dessen ich die mütterliche Symbolik und die Darstellung weiblicher Emotionen als Norm in der kaschmirischen Widerstandsbewegung diskutiere.


Katja Freistein
Gekleidet für die Macht: Weibliche Führungspersönlichkeiten, Mode und die Performativität des Emotionalen

In meinem Aufsatz geht es um zwei Bilder von Kamala Harris und die Art und Weise, wie sie sich selbst repräsentiert und repräsentiert wird: das Bild aus der Vogue, das niemandem gefiel, und das Bild von ihr, wie sie Biden anruft, als das Wahlergebnis bekannt gegeben wurde. Es geht wirklich darum, dass mit Kamala Harris so viel Symbolik verbunden ist, dass es für sie schwierig ist, sich selbst auf eine Weise zu repräsentieren, die konsistent ist. Es geht sehr stark um die Fragilität der Selbstdarstellung, weil so viele Dinge damit verbunden sind. Ich denke, der wichtige Punkt ist, die Selbstrepräsentation nicht mit Mode und so weiter zu trivialisieren, und es nicht zu dieser Frage zu machen, wer welchen Designer trägt und wer schöner aussieht. Sie ist eine Politikerin, also gibt es viel darüber zu sagen, wie sie sich kleidet. Ich wollte nicht Merkel nehmen, oder irgendeinen dieser Leute der jüngeren Generation, weil das zu direkt gewesen wäre, und bei Kamala Harris denke ich, dass es komplexer ist.


Christine Unrau
Crafting Compassion: Flucht und Migration in Dokumentarfilmen

Die Idee ist, verschiedene Dokumentarfilme zum Thema Migration und Flucht genauer unter die Lupe zu nehmen und zu zeigen, wie sie es tatsächlich schaffen, den Kreis des 'Wir' zu erweitern. Das heißt, deutlich zu machen, dass Flüchtlinge eigentlich Menschen wie wir sind. Crafting Compassion" ist natürlich mit einem Fragezeichen formuliert, denn erstens kann man Mitgefühl nicht handwerklich herstellen; es ist nicht etwas, das man einfach je nach ästhetischen oder narrativen Mitteln, die man einsetzen kann, aufbauen kann. Zweitens lautet die Frage: Würden Sie Mitgefühl herstellen wollen? Es gibt auch ein ethisches Problem, das mit der Manipulation der Emotionen anderer Menschen und mit der Darstellung von Menschen verbunden ist, um Emotionen zu manipulieren, also ist das eine doppelte ethische Frage. Ich frage mich auch, ob es immer nur Mitgefühl sein muss, oder ob vielleicht Hoffnung oder Freude oder allgemeiner Empathie wichtiger sind als Mitgefühl selbst.