Forschungsbereich 1

Die (Un-)Möglichkeit von Kooperation

Weitere Informationen

Neue Einblicke in die Grundlagen globaler Kooperation

Unter den Bedingungen ständig wachsender Interdependenzen in vielen Politikfeldern und der Identifizierung gemeinsamer Probleme von globaler Reichweite scheint  Kooperation notwendiger denn je - und stellt möglicherweise ebenso  eine zunehmende  Herausforderung dar. Die Koordinierung von Maßnahmen der Armutsbekämpfung, die Sicherstellung von Nahrung für alle Menschen und von gleichen Bildungschancen für Mädchen und Jungen bleiben wichtige Aufgaben für globale Kooperation. Multiple globale Krisen und Probleme erfordern koordinierte globale Ansätze und Handlungen zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen weltweit. Mit dem Übergang von den „Millennium Developments Goals“ zu den „Sustainable Development Goals“ haben globale Führungsmächte auch eine Bilanz bisheriger Erfolge und Zukunftsherausforderungen gezogen. Was wurde erreicht? Was muss getan werden, um eine gute Zukunft für die Menschheit zu gewährleisten? Der Klimawandel als eine beträchtliche Folge menschlichen Handelns auf das Erdsystem zählt zu den prägnanten Beispielen für globale Probleme,  die angegangen werden müssen. Klimagipfel bieten eine Plattform für Wissenschaftler, Aktivisten und Vertreter zahlreicher Länder, doch nicht immer führen sie zu nennenswerten Erfolgen. Aber wie können solche Treffen erfolgreich gestaltet werden? Ausgehend von der analytischen als auch normativen Annahme, dass menschliches Handeln zentral ist für Möglichkeiten der Kooperation, befasst sich dieser Forschungsbereich  mit der Rolle sinnvollen menschlichen Handelns.

Von „Mikro“ zu „Makro“

Forschungsbereich 1 „Die (Un-)Möglichkeit von Kooperation“ trägt zur Grundlagenforschung von Chancen und Grenzen der (globalen) Kooperation bei. Insbesondere das Wissen über die Evolution von menschlicher Kooperation dient als analytische Heuristik zur Beobachtung und zum Verständnis von Kooperationsmustern. Eine zentrale Frage im Kontext dieser Projekte ist, ob und wie Kooperation unter aktuellen und zukünftigen Gegebenheiten der Komplexität erfolgreich sein kann. Multi- und Interdisziplinarität werden dabei als notwendige Voraussetzungen für eine erfolgreiche Antwort auf diese Frage verstanden. Daher befassen sich Projekte innerhalb des Rahmens dieses Forschungsbereichs mit verschiedenen analytischen Ebenen und Objekten der Analyse, in einer Bandbreite von Individuen bis zu Gruppenphänomenen. Projekte in diesem Forschungsbereich haben bereits dazu beigetragen, Einblicke sowohl in die Mikro- als auch Makro-Grundlagen globaler Kooperation zu ermöglichen. Leitend ist dabei ein Ansatz, der Erkenntnisse aus der   Beobachtung von Mikro-Ebenen auf die Makro-Ebene und weitere menschliche Interaktionsformen zu übertragen versucht.

Wahrnehmung, Vertrauen und kultureller Hintergrund

Kooperationsprobleme und soziale Dilemmata wurden von verschiedenen Disziplinen, von Bereichen der Psychologie bis hin zu Politikwissenschaft und Volkswirtschaftslehren, in den Blick genommen. Erkenntnisse aus den Bereichen der Entwicklungspsychologie, der theoretischen Biologie und Anthropologie zeigen den Einfluss der kooperativen Natur des Menschen auf die Art und Weise, wie sich die Menschheit entwickelt hat. Zentral ist dabei die Erkenntnis, dass Individuen von Natur aus zur Kooperation mit anderen Individuen geneigt sind. Warum scheitert dann aber Kooperation auf der globalen Ebene so häufig? Aufbauend auf diese Frage und Einsichten aus verschiedenen anderen Disziplinen wird ein Schwerpunkt auf die Analyse der Kooperation in Kleingruppen und auf der individuellen Ebene gesetzt. Projekte aus einer Vielzahl von Disziplinen untersuchen und hinterfragen beispielsweise die Rolle von Wahrnehmungen, Vertrauen, Rationalität oder Fairness in Interaktionsprozessen. Wie beurteilen Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen Fairness? Wie können wir Vertrauen zwischen Menschen herstellen, die augenscheinlich wenig gemeinsam haben? Dieses sind einige der Fragen, die den grundlegenden Charakter von kooperativem menschlichem Verhalten hinterfragen.

Institutionelle Strukturen für mehr Mitsprache und Inklusion

Bisher fehlt allerdings eine allgemein geteilte Erzählung zu der Frage, warum und wie Menschen globale Probleme kooperativ lösen sollten. Globale Beziehungen werden zudem immer noch von anhaltenden Ungleichheiten geprägt und oft wenig inklusiven Governance-Foren, die Machtasymmetrien zwischen dem globalen Norden und Süden im Zugang zu Entscheidungen globaler Organisationen spiegeln. Auch Global-Governance-Institutionen, die geschaffen werden, um Verhandlungen zwischen Staaten und nichtstaatlichen Gruppen in vielen verschiedenen Feldern zu ermöglichen, stehen unter Reformdruck. Besonders aufsteigende Staaten und Nichtregierungsorganisationen fordern stärkere Partizipationsrechte und kritisieren Legitimationsdefizite. Sowohl Mikro-Prozesse von Verhandlungen als auch Mechanismen von Kooperation innerhalb institutionalisierter Rahmenbedingungen sind Forschungsschwerpunkte von Forschungsbereich 1. Wie können institutionelle Strukturen verbessert werden, um mehr Zugänglichkeit, Mitsprache und Inklusion zu gewährleisten? Was muss geschehen, damit Ungleichheiten zwischen Mitgliedstaaten vermindert werden können? Die Relevanz von Wissen, Kultur und institutionellen Rahmenbedingungen, die Kooperation entweder ermöglichen oder behindern, verbunden mit den methodologischen Implikationen dieser Forschung sind wesentliche Themen, die eine weitergehende Analyse notwendig machen.

Neue Akteure in einer globalen Öffentlichkeit

Schließlich soll auch der soziale Kontext einer emergierenden Weltgesellschaft berücksichtigt werden. Neue Akteure machen sich bemerkbar, globale Entscheidungen beeinflussen zunehmend das Leben von Individuen in der ganzen Welt, und eine breite Öffentlichkeit beobachtet kritisch die Entscheidungsträger globaler Politik. Die transnationale Dimension von Kooperation kann verschiedene Formen annehmen; offizielle (regionale und globale) Organisationen, informelle Clubs oder Expertennetzwerke - sogar Handlungen von Einzelnen können globale Auswirkungen haben. Kooperation kann sich in sehr unterschiedlichen Formen entwickeln, die wir jetzt erst anfangen zu verstehen. Man kann Kooperationsforen finden, die auf gemeinsamen Überzeugungen basieren - etwa einem gemeinsamen religiösen Glauben oder einer demokratischen Verfassung -, auf dem gemeinsamen Status als Schwellenländer – so etwa bei den BRICS-Staaten -, oder auf einer gemeinsamen Expertise in einem speziellen Bereich, wie etwa biologische Vielfalt oder geistiges Eigentum. Über die Beobachtung von Verschiedenartigkeit oder die Abweichung von etablierten Modellen hinaus können die Bedingungen erfolgreicher Kooperation in regionalen Foren, informellen Gipfeltreffen oder überregionalen Netzwerken von Experten analysiert werden.