Forschungsbereich 4

Demokratisierungsparadoxe und -perspektiven

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Die umstrittene Bedeutung von Demokratie in einer globalisierten Welt

Wie müssen wir über das Wesen der Demokratie neu nachdenken, wenn beispielsweise das normative Folterverbot im Krieg gegen den Terror zunehmend brüchig wird, die Mitgliedstaaten der EU angesichts der Flüchtlingskrise zunehmend weniger kooperieren und eine Figur wie Edward Snowden im besten Sinne einer demokratischen Aufklärung auf Asyl in Russland angewiesen ist. Der Forschungsbereich 4 möchte berechtigte Fragen dieser Art grundsätzlich bearbeiten und die Kooperationsfähigkeit von Demokratien in ihrem ambivalenten Wesenskern in den Mittelpunkt der Forschungsbemühungen stellen. Dies gründet sich auf die Ausgangsvermutung, dass der in der Transformationsforschung enthaltene Antagonismus zwischen Autokratie und Demokratie wenig nützlich ist, um Kooperationsprobleme zufriedenstellend erklären zu können. Demokratisierung bzw. Demokratie muss nicht zwangsläufig zu mehr Kooperation führen: Während strukturelle Demokratisierung häufig instabile Verhältnisse erzeugt, die vorausliegende Kooperationsvereinbarungen aushebeln können, sind etablierte Demokratien keineswegs immer zuverlässig kooperationsorientiert. Deswegen geht es darum, in unterschiedlichen Forschungsfeldern (Peacebuilding, Klimavereinbarungen, globale Finanzkrise, Sicherheits- und Entwicklungspolitik) die Bedingungen herauszuarbeiten, wann und wie sich Demokratien kooperativ verhalten und warum sie dies in vielen Fällen nicht tun. Demokratie scheint zu einem flexiblen und oftmals widersprüchlichen Konzept geworden zu sein, mit dem sich Krieg und Frieden gleichermaßen rechtfertigen lassen sowie Partizipationsmöglichkeiten erweitert oder gar Kritik absorbiert werden kann. Aufgrund dessen erscheint es wenig zielführend, von einem festgelegten Kern oder Modell von Demokratie auszugehen, sondern diese als historische Erfahrung und soziale Praxis zu verstehen, die sich im Spannungsfeld von Kooperationserfordernissen, Legitimitätserzeugung und politischer Herrschaft ständig wandeln.

Der Forschungsbereich sieht dies als Herausforderung, neue Wege in der Theoriebildung und der Forschungsmethodologie zu gehen, um die Paradoxien und Widersprüchlichkeiten demokratischer Governance in ausgesuchten Politikfeldern besser zu verstehen. Das Ziel des Forschungsbereichs besteht darin, die konzeptionelle Arbeit mit der empirischen Forschung stärker zu verzahnen. Die gemeinsame Klammer ist der Versuch, das konzeptionelle Vokabular dynamisch anzulegen, essentialistische Kategorien zu vermeiden und einer kontextsensiblen bzw. interpretativen Forschungslogik zu folgen. Der empirische Fokus ist breit angelegt und richtet sich auf relevante politische Kontroversen, in denen die Umstrittenheit und Legitimität verschiedener Kooperationsansprüche analysiert wird. Dadurch sollen normative Spannungen sichtbar gemacht werden, die wiederum Antworten auf die zentralen Fragen geben, wie und warum sich Kooperationsmuster und damit einhergehende Legitimitätsvorstellungen verändern. Im Rahmen des Forschungsprogramms werden Kooperationsprozesse auf unterschiedlichen Ebenen untersucht. Während normative Überlegungen zu den Möglichkeiten einer globalen Demokratie auf der Makro-Ebene verortet sind, ist die Entwicklung eines neuen konzeptionellen Vokabulars und die entsprechenden empirischen Studien weitaus stärker auf der Meso- und Mikroebene angesiedelt. Die berechtigte Hoffnung dieser Forschungsbemühungen besteht darin, dominant auftretende Interaktionsmuster in Praktiken, Narrativen und Diskursen zu erkennen, um so fundierte Aussagen darüber formulieren zu können, ob die Kooperationsbereitschaft bzw. -ablehnung mit den sich verändernden Bedingungen demokratischer Governance zusammenhängt.