Aktuelles aus dem Kolleg

Unmanned / BMW Art Car #18 von Cao Fei (Videostill, Detail), http://www.caofei.com

Konvergenz jenseits der lauten Töne - kursorische Gedanken zum Jahreswechsel

02.01.2018 Die Rekonfiguration der Weltgesellschaft hat sich in diesem Jahr fortgesetzt und das geschah jenseits des Lärms nationalistischer Gefühle, etlicher Gipfeltreffen von fraglicher Bedeutung, eines historischen Abkommens zum Verbot von Kernwaffen in einem Jahr voll schockierender Momente auf der Koreanischen Halbinsel, und trotz der offensichtlichen Mühen regionaler Zusammenschlüsse, sei es im Osten, Westen oder Süden. Stetig und unaufhaltsam aber hat ein Akteur das Gesamtbild letztlich dominiert: China.

Während die globale Wirtschaft die Produktion transnationaler Verflechtungen in Handel und Konsum beschleunigt, vollziehen rechtlich-normative und kulturelle Systeme eigene Dynamiken entlang dieser Prozesse und erzeugen Differenzen und Effekte, die schwer vorhersagbar sind. Die Kluft zwischen diesen Entwicklungen in der internationalen Gesellschaft ist eine wesentliche Sorge aus Sicht globaler Kooperationsforschung. Ihre Integration wirkt sich auf verschiedenen Ebenen aus, selbst innerhalb des nationalen Rahmens. Die Vermittlung technologischer Entwicklungen mit Veränderungen des Wertesystems wird eine der großen Herausforderungen darstellen. Und wir sind wohl nur einen Schritt entfernt von der nächsten Runde grundlegender Verschiebungen im Bereich der Infrastrukturen und Kommunikationstechnologien, die unsere Arbeits- und Lebenswelten weiter verändern werden. Digitalisierung und Automation haben neue Anwendungen bereits entwickelt. Aber rechtliche und kulturelle Rahmungen sind noch nicht installiert. Johan Rockström meinte kürzlich, dass wir keine Zauberkugel hätten, um damit übergangslos in eine neue Zukunft hinüberzugleiten:

    Technologische Lösungen werden niemals ausreichend sein: wir werden unsere Lebensstile ändern müssen und auch unsere Werte.


Das wirft neue Fragen auf, weil Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Interdependenzen zwischen Politikfeldern entdecken, die wir bislang nicht auf dem Schirm hatten. Der Zusammenhang von Kima, Migration und Gesundheit ist so ein Fall. In Princeton wird dieser Zusammenhang von einer Gruppe aus Wirtschaftswissenschaftlern und Philosophinnen untersucht. Marc Fleurbaey vom Center for Human Values in Princeton weist auf die soziale Dimension des Forschungsfeldes hin. Die Bekämpfung des Klimawandels habe Implikationen in diesem Sinne, denn "es geht hier nicht allein um den Schutz künftiger Generationen; es geht speziell um den Schutz der künftig armen und mittellosen Bevölkerungsteile."

Entscheidungen in einem Politikfeld mögen zu Bedenken in einem anderen Politikfeld Anlass geben:

    Wir haben hier tatsächlich ein ethisches Problem. Einige Forschungsansätze besagen im Kern: Wir sollten uns nicht um Bevölkerungszahlen kümmern, die haben keinen Wert an sich. Wir kümmern uns um die Lebensqualität der [statistisch] durchschnittlichen Person. Aber es gibt andere Ansätze, die davon ausgehen, dass es wertvoll ist, mehr Menschen zu haben, und wenn man das weiter denkt, dann sieht man die Dinge anders. Denn möglicherweise gleicht sich da etwas aus. Man würde eine größere Bevölkerungszahl akzeptieren, selbst wenn die Lebensqualität der [statistischen] Durchschnittsperson geringer ausfällt, weil man es als wertvoll an sich erachtet, dass viele ein Leben als menschliches Wesen führen können.


Was aber sollten die Experten den Leuten erzählen? Was wäre ein Anreiz, um globales Verhalten in die gewünschte Richtung in Gang zu setzen? Unweltexperte John Röckström ('Planetary Boundaries') stellt sich genau diese Frage:

    Vielleicht haben wir in den späten 80er Jahren einen großen Fehler gemacht, als wir sagten: " Wir haben ein Klimaproblem, ist kommt von der Verbrennung fossiler Brennstoffe und es hat die globale Erwärmung  verursacht, wir müssen dieses Problem nun lösen."
    Vielleicht hätten wir etwas anders sagen sollen: "Wir haben ein Problem. Wir erzeugen Treibhausgase und das verkürzt die Lebenserwartung für einen Großteil der Bevölkerung. Es verursacht einen Kollaps der Ozeane. Wir haben ein Problem mit der Luftverschmutzung, das jeden einzelnen gefährdet. Lasst uns da umsteuern ('let's decarbonize'). Und ansonsten - ja! - es führt auch zu Erderwärmung und das ist auch ein großes Problem." Der Kern des Problems wird also in seiner Wirkung auf die individuelle Gesundheit dargestellt. "Es verkürzt dein Leben. Willst du das wirklich? Ist das eine coole Zukunft? Willst du eine Kohlenzeche, einen dreckigen, riskanten Job, einen Sektor, der die Leute umbringt, und das Leben der Arbeiter verkürzt? Das ist auch weder High-tec noch sehr attraktiv im Hinblick auf eine fortgeschrittene Gesellschaft. Willst du das wirklich?


Zukunftsszenarien werden daher wohl ein wichtiges neues Forschungsfeld konstituieren, das die klassischen Perspektiven der Forschung im Feld der Internationalen Beziehungen deutlich ausdehnen dürfte. Das Kolleg hat Szenarien-Workshops in Kooperation mit der Friederich-Ebert-Stiftung organisiert zu den Perspektiven der Migrationspolitik im Verhältnis Europas zu West-Afrika und die Ergebnisse werden in Kürze veröffentlicht.* Eine Meisterklasse im Mai 2017 hat mögliche Forschungsfelder skizziert. Diese Ergebnisse sind als Global Dialogues 14 bereits publiziert.*

The Nexus von Ökonomie, Technologie und Werte(wandel) scheint immer noch weniger im Blickpunkt der Forschung, als möglich (und nötig).  Wenn Wu Guoguang meint, dass das globale ökonomische System aufgrund seiner Funktionsweise zu autoritären politischen Führungsstrukturen besser passt (als zu demokratischen), fügt er der Debatte über die Krise von Neo-Liberalismus und Demokratie einen Aspekt hinzu, den der geisteswissenschaftliche Diskurs gerne vernachlässigt.*

Wenn wir am Ende des Jahres größere Ereignisse Revue passieren lassen, die eine langfristige Auswirkung auf die künftige Weltgesellschaft haben mögen, so kommt der G20 Gipfel in Hamburg in den Sinn, der Vertrag zum Verbot von Kernwaffen (UN Resolution 71/258), den 120 Nationen im Juli unterzeichnet haben, und die Bonn Konferenz des Klimasekretariats (COP23) im November.

Im Mai wurde eine Konferenz zur chinesischen Seidenstraßeninitiative (neueste Bezeichnung: 'Belt and Road Initiative', BRI) von Vertretern aus 100 Nationen, darunter 29 Staatsoberhäuptern, besucht. In einer Zeit, in der die US-amerikanische Außenpolitik sich dem Zustand einer "Fake Governance" gefährlich annähert, bewegt sich die emporstrebende Weltmacht mit eleganten Ideen und gewandter strategischer Effizienz auf dem internationalen Parkett.  Wenn wir das richtig sehen, werden die Herausforderungen im Rahmen der konkreten Umsetzungen dieses Masterplans auf die Beteiligten noch zukommen. Aber das Projekt wirft die produktive Frage auf, wie die Welt eine interkonnektive Verbundenheit gestalten will, gegenüber der die Komplexität der "Belt and Road Initiative" sich wie eine Kinderzeichnung ausnimmt- nicht weniger als das Westfälische System, möchte man hinzufügen. Insofern könnte diese Rekonfiguration Teil eines größeren Ganzen sein.

Selbst die letzte Front des Kalten Krieges auf der Koreanischen Halbinsel mag sich bald in eine neue Konfiguration auflösen, die Grenzen und den Nationalstaat verändern werden, ohne sie zu beseitigen.

Zu Zeiten, wenn Konvergenz sich bereits vollzieht, werden identitären Widerstände laut und mögen ein grenzwertiges Gefühl der Dringlichkeit erzeugen. Was die Identitären nicht verstehen: dass Übergänge immer bedeuten, dass man etwas verliert UND etwas anders gewinnt (parallel, aber nicht unbedingt gleichzeitig). Dies ist auch die Kehrseite der sog. win-win-Konstellationen. Die globale Kooperationsforschung behauptet, etwas von diesen Dingen zu verstehen. Und inwieweit sich die neue Weltmacht mit diesem Diskurs verknüpft, das mag eine der größeren Fragen für die nahe Zukunft sein.

Mit den besten Wünschen für das neue Jahr
Martin Wolf

 

Hinweise

Wu, Guoguang (2017), Globalization against Democracy, A Political Economy of Capitalism after its Global Triumph, Cambridge: Cambridge University Press.

Statements aus Interviews mit Marc Fleurbaey und Johan Rockström, 5 November 2017, Bonn, von Martin Wolf.

Marc Fleurbaey
Robert E. Kuenne Professor in Economics and Humanistic Studies, Professor of Public Affairs and the University Center for Human Values, Woodrow Wilson School of Public and International Affairs, Princeton University

Johan Rockström
Director of the Stockholm Resilience Centre and a professor of Environmental Science at Stockholm University

Hinweise auf Publikationen des Kollegs

Markus Böckenförde, Elisabeth Braune (eds.)
Prospective Migration Policy - Scenario Building on Relations Between West Africa and Europe
(Global Dialogues 15). Im Erscheinen (Januar 2018)

Nora Dahlhaus, Daniela Weißkopf (eds.)
Future Scenarios of Global Cooperation - Practices and Challenges
(Global Dialogues 14). Duisburg 2017

Grinin, L. E.; Korotaev, A. V. (2015): Great Divergence and Great Convergence. A Global Perspective. Cham: Springer.