Aktuelles aus dem Kolleg

Krise des liberalen Narrativs als Krise eines universalen Anspruchs

28.03.2017 Die Erforschung politischer Narrative—in den einschlägigen Wissenschaften lange stiefmütterlich behandelt—entwickelt sich auch unter dem Eindruck aktueller Ereignisse, so scheint es, zu einem gefragten Instrument der politischen Analyse. Eine Konferenz in Berlin hat nun eine Krise des liberalen Narratives konstatiert und multiperspektivisch hinterfragt. Zur Beruhigung der Teilnehmenden kaum beigetragen haben dürfte die Tatsache, dass überzeugende Alternativen, wenn überhaupt, nur in Ansätzen erkennbar wurden.


Die Kooperationspartner dieser Veranstaltung, die vom Goethe-Institut federführend organisiert wurde, signalisieren auch ein Spektrum der an diesem Thema besonders interessierten gesellschaftlichen Gruppen: die den Grünen nahe stehende Heinrich-Böll-Stiftung, der Bund der Deutschen Industrie (BDI) und gewissermaßen als Vertreter eines gesellschaftswissenschaftlichen Zugangs zum Thema das Käte Hamburger Kolleg in Duisburg.

Betrachtet man die Entwicklung des europäischen Liberalismus historisch, so war ein gewisser Abstand der Amtsträger vom Wahlvolk immer konstitutiv. Denn auch demokratische Repräsentation ist "auf eine hierarchische Abstufung" gegründet. Der Literaturwissenschaftler Albrecht Koschorke sprach in seinem Eröffnungsvortrag von einer "politischen Halbdistanz" der Anerkennung repräsentativer Autorität—der Volksvertreter—, die nicht nur eine Frage der Verfahren sondern auch der politischen Kultur sei. Dem entspreche eine "informationelle Halbdistanz"der klassischen Medienlandschaft, denn auch hier verbinde sich "Durchlässigkeit mit dem Merkmal professioneller Distanzwahrung". Populistische Bewegungen zielten darauf, nicht zuletzt mithilfe sozialer Medien, diese implizite Übereinkunft aufzukündigen.

Die Veranstaltung warf bewusst einen Blick auf Verhältnisse in sehr unterschiedlichen Ländern, in denen liberale Diskurse herausgefordert werden. Eva Horns Frage nach Alternativen, die auch für Europa neue Elemente von Governance überlegenswert erscheinen lassen, wurden allerdings—vorläufig?—mit eher vagen Ausführungen beantwortet.

Grundlegend für die außereuropäische Perspektive ist aber der Befund, dass es sich beim Liberalismus, zumindest historisch betrachtet, gerade nicht um einen politisch universalen Gedanken handelt, sondern, in den Worten von Ranjit Hoskote, um eine proprietäre Philosophie, die sich etwa in Indien im Kontext von Kolonialismus und British Empire zunächst in den aufsteigenden Eliten verbreitet hat. In China ist der Liberalismus demgegenüber als politisches Konzept praktisch nicht existent. Der Beitrag von Tongdong Bai machte jedoch deutlich, dass eine Alternative diskutiert wird, die klassisches Gedankengut des politischen Konfuzianismus für die aktuelle Situation zu aktualisieren versucht. Globalisierung bedeute, dass keine Denkrichtung—und kein Land—einen Universalanspruch behaupten könne. Bai denkt an gewählte Repräsentanten, die dann ihrerseits Experten bestimmen, aus welchen sich ein künftiges Oberhaus zusammensetzen könnte. Hier scheint die Vorstellung vom konfuzianistischen Gelehrten durch, der die politische Macht in allen erdenklichen Fragen berät; ein Advisory Board avant la lettre und ein politisches Konzept, das im Hinblick auf die Realität internationaler Aushandlungsprozesse anschlussfähig erscheint. Die Skepsis gegenüber Demokratie verdankt sich, so scheint es, einem grundlegenden Misstrauen gegenüber der Urteilskraft des Volkes. Sie ist anti-populistisch und zugleich "nicht sehr demokratisch", wie Bai selbst befand.

Zünglein an der Waage, so suggerieren zahlreiche Beiträge, sind die sich in raschen Umbrüchen fortwährend neu konfigurierenden Mittelschichten—changierend, urban, sich aus Wanderbewegungen in die Städte rekrutierend, in den Emerging Markets treibende Kraft nicht nur ökonomischer Prozesse, sondern auch Trägerschicht für Kulturaustausch, Vernetzung und allerlei Startups zwischen klassischem Entrepreneurship und NGOs .

Die türkische AKP wurde als Beispiel angeführt für eine vorübergehende und als strategisch empfundene "liberale" Phase politische Programmatik, die jedoch bald anderen Inhalten Platz gemacht habe. Karolina Wigura diagnostizierte eine ähnliche vorübergehend liberale Phase für Polen. Temporär liberale wie auch temporär illiberale Positionierungen werden durch die Fluidität politischer Konstellationen und damit einhergehender häufig wechselnder Identifikationen in großen Teilen der Bevölkerung begünstigt. Die Identitätssuche nach rapiden Entwicklungsschüben motiviert den Rückgriff auf ältere Erzählungen wie etwa diejenige des Osmanischen Reiches in der Türkei—ein Fluchtpunkt, der mit Islamismus und Turkismus verknüpft wird und den liberalen Diskurs der vergangenen Jahre als Übergangsphänomen erscheinen lässt. Kader Konuk demonstrierte in diesem Zusammenhang anschaulich, welche Rolle populärkulturelle Produktionen (Museen, Opern, Entertainment Parks) hier spielen.

Welche Entwicklungen hat ein Liberalismus, dessen Gefährdung nun vielfach beklagt wird, aber weltweit begünstigt und inwiefern wird er außerhalb Europas überhaupt positiv beurteilt? Chandran Nair bezweifelte die Segnungen der westlichen Welt am Beispiel der Länder Asiens. Es gebe keine im Titel der Veranstaltung postulierte "globale Krise liberaler Erzählungen", das sei "liberal bullshit", an den er selbst einmal geglaubt habe. Liberalismus sieht er historisch als motivierenden Kern kolonialer Expansion und eines Interventionismus, den es in Asien nicht gebe, auch nicht in China. Er begrüßte den Aufstieg Asiens und warf dem Westen vor, dass er nicht fähig sei, mit der wachsenden Bedeutung anderer im weltweiten Kräftespiel zurecht zu kommen. Mit Blick auf die Zukunft lehnt Nair die aus seiner Sicht unrealistischen Visionen eines Neo-Liberalismus ab. Asien werde ohne die Illusionen einer liberalen Demokratie im 21. Jahrhundert pragmatisch Prioritäten setzen, denn "wir können nicht alles haben".

Gerade weil der Liberalismus durch seine Rolle im Verlauf der Kolonialgeschichte Kritik erfährt, war das Statement von Kader Konuk, das Problem seien nicht die liberalen Werte selbst, interessant vor dem Hintergrund der von ihr selbst herausgestellten Tatsache, dass die Türkei die Erfahrung einer Intervention von außen nie gemacht habe.

Neben der Bedrohung durch populistische Re-Nationalisierungsbewegungen wurde aber auch eine andere Herausforderung für die offene Gesellschaft identifiziert, die sich aus eher privilegierten Quellen speist: Silicon Valley, so Koschorke, sei eine ultra-religiöse Bewegung. Und auch ein gewisses ultra-orthodoxes Weltbild in der Russischen Föderation werde, wie Ekaterina Schulmann ausführte, von einer—überwiegend männlichen—bürokratischen Elite geteilt. Zur Gefährdung des bürgerlich zivilgesellschaftlichen Liberalismus durch anti-demokratisch populistische Bewegungen tritt also die Gefährdung durch alte und neue Eliten.

In der abschließenden Runde mit Vertretern der beteiligten Organisationen wurde der Wunsch nach einer Fortsetzung dieser vielschichtigen Debatte zum Ausdruck gebracht. Denn auf dem Weg in die "posthumanistische Gesellschaft" (Koschorke) steht die Auseinandersetzung um den Wertekonsens in einer globalisierten Welt vor ihrer nächsten Herausforderung.

Wettbewerb der Narrative (Goethe-Institut, offizielle Webseite, Videos, Medienberichte, Vortragstexte)