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Montage: KHK/GCR21

Die Zukunft kartieren: Big Data macht eine neues kritisches Vokabular in der Sozialtheorie notwendig

11.05.2017 Unter dem eingängig formulierten Thema "Mapping, Mercator and Modernity" wurden auf einem Workshop und einem öffentlichen Käte Hamburger Dialogue aktuelle Trends des Kartierens untersucht. Ein besonderes Augenmerk galt dem Einfluss digitaler Verfahren. Auf der von Gastwissenschaftler David Chandler konzipierten Veranstaltung beschäftigte sich eine Gruppe von Wissenschaftlern eingehend mit kartografischen Praktiken in geo- und sicherheitspolitischen Konstellationen, aber auch in der öffentlichen Wahrnehmung von Grenzen und Mobilität.

Die Big Data-Nutzung aggregierten individuellen Verhaltens auf Social Media-Plattformen ermöglicht die kartografische Aufzeichnung von Bewusstseinsaktivitäten in einem bislang undenkbaren Umfang. Dieses "Mapping" erweist sich daher als umstrittene Praxis, auf die auch mit subversiven Strategien einer Gegen-Kartierung reagiert wird oder mit der bewussten Entscheidung für nicht-kartografische Darstellungsformen. Deutliche Divergenzen zeigen sich in den unterschiedlichen Kartierungsinteressen im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise im Mittelmeer. Während FRONTEX sich für eine Ausweitung von – proprietären - Datenbeständen stark macht und die Kooperation mit Anrainer-Staaten sucht, die über statistische verwertbares Material verfügen, befürworten viele Freiwilligenorganisationen einen freien Datenverkehr, der die Möglichkeit der Nicht-Teilnahme einschließt (Martina Tazzioli, Swansea University).

Kontrollmechanismen erreichen unterdessen neue Grade an Spezifizierung und Flexibilität.

Claudia Aradau (King's College London) stellte eine Arbeit über Predpol vor*, eine Vohersage-Überwachungssoftware, die die Merkmale Ort und Zeit auswertet, wie sie für Verbrechen durch Polizeidienststellen aufgezeichnet werden sowie kriminologische Annahmen über den Zusammenhang zwischen Verbrechen und sonstigen Ereignissen. Eine Weiterentwicklung dieser Software durch das UCL Space Time Lab macht einen bedeutsamen nächsten Schritt. Hier geht es nicht mehr um eine Dokumentation vergangener Ereignisse. Datengestützte Überwachungstechnologien treten nun mit den Versprechen an, die Wahrscheinlichkeit von Ereignissen proaktiv zu antizipieren und vorauszusagen. Die ermittelten Hotspots sind hier noch abstrakte Orte – mit gewissen Merkmalen -, die anschließend auf Google Maps projiziert werden, um konkrete Orte für die Überwachung abzuleiten. Im Merkmalsraum einer Big Data-Netzwerkanalyse sind die ausgewählten oder näher betrachteten Merkmale multi-relational und beziehen sich nicht lediglich auf einen bestimmten Ort oder eine bestimmte Zeit. Aradau und Mitautor Tobias Blanke empfehlen daher, den Blick nicht so sehr auf die vieldiskutierten Algorithmen zu fixieren, sondern vielmehr darauf zu achten, "wie Zeit und Raum, Ähnlichkeit und Differenz hier ineinander übergehen."

Sie schließen mit der Feststellung, dass "die kritische Rede über Diskriminierung und Ausschließung gegenüber diesen Praktiken von Sicherheitsapparaten zunehmend schwierig zu mobilisieren ist". Sie fordern daher, den Begriff der Relationalität in der Sozialtheorie zu überdenken und ein kritisches Vokabular von Relationalität zu entwickeln, das der Big Data-Gouvernmentalität gewachsen ist.

Vor diesem Hintergrund wurde auch eine Kritik an der bekannten Soziologin Saskia Sassen geäußert. Diese habe das Smart Cities-Konzept kürzlich als "modernistisch" kritisiert und einen stärker informellen Rahmen für die Verwaltung dieses Städte befürwortet. Doch dieser informelle Rahmen wird sehr wahrscheinlich durch algorithmisch ermittelte Muster und Merkmalskonstellationen gefüttert werden, digitale Repräsentationen der Vorgänge, die die Städte am Laufen halten. Ähnlich wie im Fall der geschilderten Überwachungsstrategien, würden Systeminterventionen der städtischen Administration nicht durch bestimmte rechtlich ermittelte Tatbestände wie Notfall oder   Versagen ausgelöst sondern ziemlich flexibel durch digital erzeugte Szenarien und deren Interpretation. Die analoge Welt, so könnten wir sagen, die Tatbestände vor Ort, sind nur als virtuelle Repräsentation sichtbar und was hier nicht repräsentiert ist, würde im Planungs- und Entscheidungsprozess keine Berücksichtigung finden. Der Fall eines undokumentierten Abfallbetriebs in der Nähe von Athen wurde vorgestellt als Beispiel für eine Geschäftsaktivität  "außerhalb der Karte" (Yannis Kallianos).

Das kognitive Schwindelgefühl, welches einen mitunter überkommen kann, mag von der Wahrnehmung herrühren, dass die modernistische Positionierung der Kritik (des Kritikers) außerhalb des Systems (oder der Karte) in der digitalen Welt nicht mehr möglich scheint ("Der Betrachter ist bereits in der Karte enthalten"). Wenn die menschliche Bewusstseinsaktivität in die digitale Karte ausgelagert wird, wie es Maros Krivy (University of Cambridge) im Hinblick auf das Google System formuliert, dann löst sich die sogenannte "kritische Distanz" zu einem "Objekt der Kritik" auf.

Allerdings, so könnte man argumentieren, ist das ganze Bild größer, wie im Falle des historischen Spannungsfeldes der mündlichen versus schriftlichen Kultur, und umfasst eine Vielzahl von Möglichkeiten, Daten und Inhalte zu organisieren, zu gruppieren und auszuwerten, und ebenso die Erzählungen die sie anstoßen und ihrerseits zum Ausdruck bringen. 

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Claudia Aradau, Tobias Blanke (2016), Politics of prediction:Security and the time/space of governmentality in the age of big data, European Journal of Social Theory, 1–19. DOI: 10.1177/1368431016667623.