Aktuelles aus dem Kolleg

DAC-Vorsitzende (v.l.n.r.): Richard Manning (2003-2008), Charlotte Petri Gornitzka (seit 2016) und J. Brian Atwood (2010-2012)

Neue Perspektiven für die Entwicklungszusammenarbeit und grundlegende Fragen an eine bedeutende Institution

30.05.2017 Die Entwickungszusammenarbeit ist ein zentraler Indikator für den Zustand globaler Kooperation. Zwei Workshops und eine Käte Hamburger Lecture beschäftigten sich eingehend mit den bisherigen Entwicklungen und Zukunftsaussichten der Entwicklungszusammenarbeit und des Development Assistance Commitee (DAC) der OECD im Besonderen. Die Teilnehmer wurden Zeugen eines entscheidenden und nachgerade historischen Moments, gemeinsam mit einer seltenen Komposition einflussreicher Persönlichkeiten der letzten Jahre auf diesem Gebiet.

Es waren wenige Länder, die 1960 die Development Assistance Group gründeten, eine Plattform, die als "Komitee" (DAC) kurz darauf unter dem Schirm der OECD weitergeführt wurde. Nach bald 60 Jahren, in denen das Komitee entscheidend an der Herausbildung des Entwicklungsgedankens in der Nachkriegszeit mitgewirkt hat und auf diesem Gebiet überaus einflussreich geworden war, findet sich diese klassische Institution klassischer Entwicklungshilfe in einer veränderten Umgebung wieder. Denn andere Akteure mit unterschiedlichen Strategien und Vorgehensweisen beeinflussen zunehmend ein Feld, das in der Rückschau als eine Art Home Zone zu funktionieren schien. Durch die Anwesenheit der derzeitigen Vorsitzenden des DAC, zweier bedeutender ehemaliger Vorsitzender sowie wichtiger ehemaliger und aktueller Mitglieder des DAC-Sekretariats und einschlägiger akademischer Experten war am Kolleg der Rahmen für eine gründliche Inspektion des derzeitigen Zustands gegeben. 

Transnationale Hilfssysteme bestehen seit den 1950er Jahren rund um den Globus und entwickelten sich aus bilateralen "Hilfe"-Prozeduren zwischen europäischen Nationalstaaten und ihren Kolonien. Der europäische Wohlfahrtsstaat war eine Voraussetzung für die systematischere Strukturierung dieses Systems der Entwicklungshilfe (G. Bracho) und die beteiligten Länder begannen, ihre Hilfslieferungen und Projekte zu koordinieren. Die Gründung des DAC geschah vor dem Hintergrund dieser notwendigen Koordination in der Phase des Kalten Krieges und wurde aus der Taufe gehoben als Plattform gleichgesinnter staatlicher Akteure mit dem Ziel, den Einsatz finanzieller Mittel zu optimieren und Informationen über Best Practices in einer Reihe von Feldern auszutauschen. Doch wie inklusiv konnte das sein? Im Laufe der Diskussionen erwies sich das DAC als eine etwas geheimnisvolle und wenig bekannte aber auch irgendwie einzigartige und kompakte multilaterale Gruppierung, die bei der Herausbildung des Paradigmas der Entwicklungskooperation eine wesentliche Rolle gespielt hat.

J. Brian Atwood, der gewiss außergewöhnliche ehemalige Vorsitzende des DAC, reflektierte in seiner Käte Hamburger Lecture über Unzulänglichkeiten und Fallstricke, aber auch mutige Entscheidungen des Komitees und seiner Mitglieder aus der Perspektive des Insiders. Seine selbstkritische Haltung ermöglichte ein wesentlich tieferes Verständnis der speziellen Gründe dafür, dass das Komitee heute von vielen als "eine sehr ungleiche globale Institution" betrachtet wird (K. Freistein); und dies unbeschadet einiger Anpassungen, durch die das Komitee offensichtlich versucht, mit neuen Akteuren aktiv ins Gespräch zu kommen. Die China-DAC Study Group wurde 2009 gebildet und arbeitet heute als handlungsorientierter Runder Tisch. Ein starkes Interesse an der Zusammenarbeit mit China ist auf Seiten des DAC deutlich spürbar, weil China, und darin unterscheidet es sich etwa von Russland, "einen globalen  Ansatz verfolgt", wie ein Teilnehmer bemerkte. Auch einige arabische Geberländer haben ihre Beziehungen zum DAC in den vergangenen Jahren intensiviert.

Das System der Entwicklungszusammenarbeit ist auf globaler Ebene in Bewegung geraten und für notwendige Reformen gibt es klare strukturelle Gründe. Denn andere Kommunikations- und Verhandlungsplattformen zu globalen Herausforderungen haben in den vergangenen Jahren die Agenda geprägt. Sie haben nicht zuletzt auch ein anderes Modell der Inklusion (Integration) angeboten. Der vielschichtige Verhandlungsprozess, welcher schließlich zum Abschluss der Pariser Klimaerklärung geführt hat, und die Weiterentwicklung der Milleniumsentwicklungsziele (MDGs) zu Nachhaltigen Entwicklungszielen (SDGs) haben Formate geschaffen und etabliert, die alle betroffenen Staaten zusammenbringen. Dagegen ist der Rahmen des DAC nach wie vor etwas für Geber, während die Empfängerländer kaum am Tisch sitzen. Da passte es gut, dass Sakiko Fukuda-Parr, mit Marcel Maus' grundlegendem Werk als Ausgangspunkt, die oftmals delikaten Beziehungen etwas genauer unter die Lupe nahm, welche durch "Gaben" hergestellt werden, insbesondere dann, wenn die Empfänger nicht in der Lage sind, diese Gaben zu erwidern.

Der allgemeine Eindruck ist, dass sich die Struktur des DAC seit den 60er Jahren nicht wesentlich verändert hat (R. Woodward). Auf der anderen Seite scheint die neue Vorsitzende, Charlotte Petri Gornitzka, die angekündigt hat, dass sie die Mitglieder "ein wenig stärker herausfordern" will,  die Einrichtung neuer SDG-Ministerien auf nationaler Ebene zu befürworten; diese Ministerien hätten dann einen inhaltlichen Zuschnitt, der die klassische DAC-Expertise deutlich überschreiten würde.

Das Komitee mag auch weiterhin in der Lage sein, einen substantiellen Beitrag zu liefern, allein schon aufgrund seiner jahrzehntelangen Erfahrung mit Entwicklungsprojekten und ihrer Koordination weltweit. So möchte das Komitee seine Expertise auf dem Feld der Accountability (Rechenschaftspflicht) weiter stärken (Atwood). Aber es wird sich vom Club mit universalem Anspruch wohl weiter entwickeln müssen.

Als kompakter Club von Geberländern konnte das Development Assistance Comitee die bereits angesprochene, bedeutende Rolle in der Nachkriegszeit spielen. Dies hat sich aber zunehmend als Hemmnis erwiesen bei der Weiterentwicklung der Agenda des Komitees in einer komplexeren, multipolaren Welt. "Mit einem besseren Verständnis seiner eigenen Geschichte, mag das DAC besser in der Lage sein, die ungewisse Zukunft dieser Institution zu gestalten. "Unser sehr spezieller Workshop in Duisburg hat einen ersten Schritt in diese Richtung getan", befand der Initiator des Treffens, Gerardo Bracho, Mexikanischer Diplomat und als Experte assoziierter Gastwissenschaftler des Kollegs, in seinem abschließenden Statement.