Aktuelles aus dem Kolleg

Direktorin des Kollegs: Sigrid Quack

"Parallele Trajectorien": Plattformen für Unternehmensregulierung entfernen sich von einheitlichen globalen Regeln

13.08.2018 In einem kürzlich veröffentlichten Artikel in der Annual Review of Sociology haben KHK-Direktorin Sigrid Quack und Marie-Laure Djelic, Co-Dekanin der School of Management and Innovation, Sciences Po Paris, die Literatur zur Globalisierung und Unternehmensregulierung unter dem Aspekt der transnationalen Governance untersucht. Die Autorinnen beobachten eine zunehmende funktionale Differenzierung und das Entstehen paralleler Bahnen transnationaler Governance: Monopolisierung, koordinierte Pluralität und konfliktiver Wettbewerb entwickeln sich nebeneinander. Gleichzeitig beobachten sie eine Abkehr von einer idealisierten Konvergenz um eine Reihe von einheitlichen globalen Regeln hin zu einer Anpassung an beharrliche kontextuelle Besonderheiten.

Die Autorinnen beschäftigen sich mit der Globalisierung als einem facettenreichen Phänomen, wohlwissend um seine vielfältigen Geschichten, unter denen sich die zeitgenössische Episode durch die Intensivierung von Austauschprozessen mit "schneller Formalisierung, Kodifizierung, Standardisierung und Depersonalisierung der Spielregeln" (125) auszeichnet.  Kritisch gegenüber linearen Vorhersagen von Trends, die zu globaler Konvergenz führen (Fukuyama, Friedman), sehen sie die gegenwärtigen Blockaden im multilateralen System nur als eine Seite der Medaille, insofern als die "Stagnation im internationalen System ... mit einer Intensivierung der transnationalen Zusammenarbeit zwischen einem breiten Spektrum von Akteuren einhergeht". (127)


Djelic, Marie-Laure and Quack, Sigrid (2018). Globalization and Business Regulation, Annual Review of Sociology 44: 123–143.

e-print URL provided by Annual Reviews


Transnationale Unternehmensregulierung umfasst eine Vielzahl von Formen grenzüberschreitender Regulierung mit zunehmender Dichte. Viele von ihnen sind nicht rechtsverbindlich, sondern prägen das wirtschaftliche Verhalten durch verschiedene Mittel wie Anreize, Sozialisation oder Gruppenzwang. Die Autorinnen diskutieren ein breites Spektrum sogenannter "Soft Law"-Technologien der Regulierung, darunter Standards, Richtlinien, Zertifizierungen und Verhaltenskodizes. Diese Formen der Regelbildung passen zwar nicht zu den üblichen Rechtskategorien, tragen aber dennoch zu einer immer dichter werdenden transnationalen (Rechts-)Ordnung bei, die sich auch auf die nationalen Regulierungsrahmen auswirkt.

Die Autorinnen identifizieren eine Reihe von Besonderheiten dieser Erweiterung eines transnationalen "Regelwerks": eine Vielzahl von privaten, zivilen und öffentlichen Akteuren ist involviert. Transnationale Regelwerke sind oft auch von Experten getrieben. Dennoch heben die Autorinnen hervor, dass der Staat in der komplexen "Ökologie der Akteure" weder verschwindet noch sich auflöst, sondern an prominenter Stelle steht und oft Prozesse ermöglicht, die von bereits existierenden staatlichen Regeln und Infrastrukturen abhängen. (131) In einem Multi-Stakeholder-Ansatz werden transnationale Plattformen konzipiert, in denen auch private und öffentliche Akteure zusammenarbeiten. Mit Blick auf transnationale Regulierungsnetzwerke sind Expertennetzwerke ("epistemische Gemeinschaften") ein Sonderfall, der Hintergrundprozesse für den Aufbau gemeinsamer transnationaler "Spielregeln" liefert. In Bezug auf die Art der Regeln hat Soft Law eine Flexibilität, die es von kodifiziertem Recht unterscheidet. Im Allgemeinen gibt es eher einen Appell als eine durchsetzbare Verpflichtung, die die Grenze zwischen Regulierern und Regulierten verwischt. In der Literatur wird diese Offenheit für Compliance als potenzielle Quelle des Regulierungswettbewerbs, aber auch als Quelle der teilweisen Konvergenz von Regulierungsplattformen und -lösungen betrachtet. (129)

Trotz der Vielzahl und Pluralität der regulatorischen Plattformen und Produkte, die im Laufe der Zeit entstanden sind, finden die Autorinnen in der Literatur Hinweise auf gemeinsame Muster der Feldstrukturierung. Obwohl es eine zunehmende funktionale Differenzierung zwischen verschiedenen Themenfeldern gibt, bleiben sie dennoch verbunden und eingebettet in eine größere ‚World polity‘. Die Autorinnen identifizieren drei parallele Trajektorien der transnationalen Governance, die sich im Laufe der Zeit entwickeln und stabilisieren, angetrieben durch wiederkehrende Spannungen zwischen Differenzierung und isomorphem Druck. Während monopolistische Trajektorien von einer einzigen, unangefochtenen Regelsetzungsorganisation oder von einem erfolgreichen Standardsetter geprägt sind, der andere erfolgreich übertrifft, umfassen Trajektorien mit koordinierter Pluralität verschiedene Standard- und Regelsetzer, die sich für ihre eigenen Regelwerke einsetzen und sich gegenseitig im Streben nach gemeinsamen Werten und einem gemeinsamen langfristigen Projekt anerkennen. Die Literatur weist aber auch auf einen dritten Weg hin, in dem konfliktiver Wettbewerb zu einer anhaltenden Zersplitterung der Regeln führt. Über diese unterschiedlichen Trajektorien hinweg gibt es jedoch kaum Hinweise darauf gibt, dass sich globale Modelle in homogener Weise in verschiedenen lokalen Kontexten durchsetzen. Im Gegensatz dazu sehen die Autorinnen einen zunehmenden Fokus auf Fragen der Anpassungsfähigkeit, Kontextualisierung, Übersetzung und Kreolisierung globaler Regeln in lokalen Kontexten.

Dieser Argumentation folgend, reflektieren die Autorinnen schließlich über Politisierung, Legitimität und Effektivität der globalen Wirtschaftsregulierung. Compliance, so zeigen sie, wird aus normativer Sicht vielfach diskutiert, ist aber empirisch noch nicht ausreichend erforscht. Ein soziologisches Verständnis von Legitimität kann zu einem besseren Verständnis der  zunehmenden Politisierung transnationaler Governance beitragen, die Druck auf expertengetriebene und technokratische Felder ausübt, in denen die Akteure nicht nur darum kämpfen, ihre Autorität durchzusetzen, sondern auch ihre epistemische Legitimität erlangen und erhalten müssen". (137) Auf beiden Seiten findet sich Expertise, um bestehende Governance-Systeme zu übernehmen oder in Frage zu stellen. Dabei wird in der Literatur zunehmend Einigkeit darüber festgestellt, dass private Regulierung nicht als Ersatz für oder isoliert von staatlicher Autorität angesehen werden kann. Vielmehr kommt es auf das Zusammenspiel und die Kombination verschiedener Arten von Regulierung an - eine Schlüsselfrage für die zukünftige Forschung zu transnationalem Regieren und globaler Zusammenarbeit.

 

Anmerkung: Bei den Zitaten handelt es sich um redaktionelle Übersetzungen des Originaltextes, auf den die Seitenzahlen verweisen.

Djelic, Marie-Laure and Quack, Sigrid (2018). Globalization and Business Regulation, Annual Review of Sociology 44: 123–143.