Aktuelles aus dem Kolleg

[Translate to Deutsch:] Hothouse Earth - Fig. 2 of article 'Trajectories of the Earth System in the Anthropocene' - detail

"Trajektorien des Erdsystems" erfordern eine ganzheitliche Perspektive auf Bedrohungen und Lösungswege

15.08.2018 Es gibt keine eigenständigen Effekte im Erdsystem sondern verschiedene Faktoren, die auf globaler Ebene zusammenwirken. In einem aktuellen Beitrag für die National Academy of Sciences (PNAS) untersuchen Autoren des Stockholm Resilience Centre und des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung das Risiko, dass selbstverstärkende Rückkopplungen das Erdsystem in Richtung einer planetaren Schwelle treiben, die eine weitere Erwärmung Richtung "Treibhaus Erde" verursachen könnte, selbst wenn anthropogene Emissionen reduziert werden. Die Übernahme von Verantwortung für das gesamte Erdsystem ('stewardship'), sei damit noch dringlicher. Global Governance erfordert eine ähnlich umfassende, ganzheitliche Perspektive: Die Initiative "The World in 2050" unterstreicht in einem Bericht, der der UNO im Juli vorgelegt wurde, die Bemühungen, "über den sektoralen und fragmentierten Ansatz hinauszugehen, dem die Nachhaltigkeitsforschung bislang weitgehend gefolgt ist".


Eine entscheidende Wahrheit: Während Stand-alone-Effekte als (nicht-)lineare Entwicklungen über die Zeit beobachtet werden konnten, bedeutet die systemische Inklusivität eines beitragenden Faktors, z.B. schmelzendes Eis, dass Triggerpunkte in einem verwandten, koevolutiven Feld erreicht werden, indem irreversible systemische Veränderungen initialisiert werden, z.B. durch Reduktion der Menge des reflektierten Sonnenlichts. Dieses Wechselspiel zwischen den Faktoren der natürlichen Umwelt, aber auch zwischen dem natürlichen und dem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umfeld ist für die Wissenschaftler von zunehmender Bedeutung. Der Alarm, den sie äußern, ist öffentlich schwer zu vermitteln: Komplexität erhöht, trotz ihres stabilisierenden Potenzials - die Gaia-Theorie legt nahe, dass die Erde eine sich selbst erhaltende Tendenz hat -, das Risiko von Dominoeffekten. Komplexität macht Maßnahmen/Interventionen zu einem frühen Zeitpunkt der Entwicklung dringend erforderlich, während sie die Verbreitung einer einfachen Erzählung, um einen politischen Konsens und ein konzertiertes Handeln zu ermöglichen, eher erschwert. Systemisches Bewusstsein scheint ein recht aktuelles Merkmal belastbarer Forschung und Politik zu sein. Dies bringt Wissenschaftler und politische Entscheidungsträger in erkenntnistheoretischen Netzwerken zusammen, die auf dem Konsens beruhen, dass umsichtiges Handeln so schnell wie möglich koordiniert und vereinbart werden muss.

Die "Trajectories"-Studie wurde von der National Academy of Sciences in Auftrag gegeben und ist Teil erheblicher Bemühungen der wissenschaftlichen Gemeinschaft, der US-amerikanischen Politik den Ernst der Lage zu vermitteln. Bekannte Co-Autoren sind Hans Joachim Schellnhuber, Gründungsdirektor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und Johan Rockström, Direktor des Stockholm Resilience Center und demnächst Co-Direktor des Instituts in Potsdam. Die Autoren geben zu, dass selbst die Möglichkeit einer Stabilisierung des Erdsystems bei einer Temperatur unter 2°C (über dem vorindustriellen Niveau) nicht sicher ist. Ihre Analyse impliziert, dass "Ausreißer-Effekte" bereits jetzt ausgelöst werden könnten. Aber die Wahrscheinlichkeit solcher systemischen Gefahren steigt mit bestimmten primären Kipppunkten, die bekannt sind und die die Studie identifiziert: Schmelzen der polaren Gletscher und des Permafrostbodens (wodurch CO2 und Methan in die Atmosphäre freigesetzt werden), Zerstörung der Regenwälder, Veränderungen der Ozeane und thermischen Ströme, Niederschläge (beeinflusst die Kapazität der Böden zur Speicherung von Treibhausgasen).
Die Autoren betonen die Bedeutung von Veränderungen im menschlichen Verhalten und in der Kultur. Sie zitieren die ehemalige UNFCCC-Sekretärin Christiana Figueres ("Die Menschheit steht jetzt vor der Notwendigkeit kritischer Entscheidungen und Handlungen, die unsere Zukunft über Jahrhunderte, wenn nicht gar Jahrtausende hinweg beeinflussen könnten") und schlagen vor, "dass eine tiefgreifende Transformation auf der Grundlage einer grundlegenden Neuausrichtung der menschlichen Werte, der Gerechtigkeit, des Verhaltens, der Institutionen, der Wirtschaft und der Technologien erforderlich ist".

Genau das scheint der Kerngedanke eines Leitberichts "Transformations to Achieve the Sustainable Development Goals" der Initiative "The World in 2050" zu sein. Zu den koordinierenden Autoren gehören Nebosja Nakicenovic, Johan Rockström, Jeffrey Sachs und Dirk Messner, Co-Direktor des Kollegs, der die Ergebnisse gemeinsam mit seinen Kollegen im Juli 2018 bei den Vereinten Nationen vorstellte. In dem Bericht heißt es:

Angesichts der Komplexität und Breite der auftretenden und zu erwartenden Veränderungen ist es wichtig, dass wir uns bemühen, über den sektoralen und fragmentierten Ansatz hinauszugehen, dem  die Nachhaltigkeitsforschung bisher weitgehend gefolgt ist.

Diese Studie schlägt eine ganzheitliche Perspektive vor und ist davon überzeugt, dass "Co-Benefits" aus koordinierten Maßnahmen abgeleitet werden können, die im Hinblick auf sechs beispielhafte Transformationen erforderlich sind:

  • Menschliche Leistungsfähigkeit und Demografie
  • Verbrauch und Produktion
  • Dekarbonisierung und Energie
  • Nahrung, Biosphäre und Wasser
  • Intelligente Städte ("Smart Cities")
  • Digitale Revolution


Die Dimension des Berichts ist global und es wird eine Multi-Stakeholder-Welt skizziert, in der das Handeln durch zentrale Erkenntnisse motiviert wird, die von verschiedenen Akteuren in verschiedenen Umweltbereichen in unterschiedlichen Dimensionen umgesetzt werden. Wechselwirkungen zwischen den SDGs sind zu beachten ("ganzheitliche Perspektive"). Synergien und Kompromisse, die sich aus bestimmten Entwicklungen ergeben, müssen berücksichtigt, Gewinner und Verlierer sollten mit einbezogen werden. Transformation und Gerechtigkeit, so der Bericht, bedingen sich gegenseitig. Dieser Wandel erfordert auch positive Zukunftsvisionen, in denen soziale und wirtschaftliche Ziele integriert sind. Die ehrgeizige und anspruchsvolle Aufgabe einer effektiven und integrativen Regierungsführung steht im Mittelpunkt. Die derzeitigen Modelle "sind ungeeignet", aber eine überzeugende "Kultur der Zusammenarbeit" wird die regelbasierte Ordnung um ihrer eigenen Legitimität willen sichern und verbessern müssen. Mehrere Pfade der nachhaltigen Entwicklung werden sich über Skalen hinweg kreuzen. Umso mehr scheint die vorausschauende, systemische Anpassungsfähigkeit eine wesentliche Kompetenz zu sein, e, die es, skalenübergreifend, weiterzuentwickeln gilt.

Der Bericht spricht von "herkulischen Governance-Anstrengungen", die für jede dieser Transformationen erforderlich sein werden. Aber die Autoren sind überzeugt, dass die identifizierten Transformationen "notwendig und potentiell ausreichend sind, um die SDGs zu erreichen, wenn sie ganzheitlich und im Einklang angegangen werden".

Quellen

Trajectories of the Earth System in the Anthropocene
Will Steffen, Johan Rockström, Katherine Richardson, Timothy M. Lenton, Carl Folke, Diana Liverman, Colin P. Summerhayes, Anthony D. Barnosky, Sarah E. Cornell, Michel Crucifix, Jonathan F. Donges, Ingo Fetzer, Steven J. Lade, Marten Scheffer, Ricarda Winkelmann, Hans Joachim Schellnhuber
Proceedings of the National Academy of Sciences Aug 2018, 201810141; DOI: 10.1073/pnas.1810141115

TWI2050 - ­The World in 2050 (2018). Transformations to Achieve the Sustainable Development Goals. Report prepared by The World in 2050 initiative. Coordinating Authors: Elmar Kriegler, Dirk Messner, Nebojsa Nakicenovic, Keywan Riahi, Johan Rockström, Jeffrey Sachs, Sander van der Leeuw, Detlef van Vuuren
International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA), Laxenburg, Austria. Available at: pure.iiasa.ac.at/15347