Käte Hamburger Lecture

Democracy, Visibility and Resistance

6. Februar 2013

Während umstrittene Fragen von Politik, Macht und Widerstand ehemals in der kritischen Auseinandersetzung in Volksparteien, Gewerkschaften und Verbänden jederzeit öffentlich sichtbar waren, scheint heutzutage die kritische Aushandlung in öffentlichen Diskursen weitaus weniger bedeutsam zu sein. Was im Parlament oder auf staatlicher Ebene passiert, ist – zumindest nach Ansicht vieler politischer Beobachter – weniger wichtig als die Politik im „alltäglichen Leben“, die sich in unseren privaten Entscheidungen und Beschlüssen jenseits der Öffentlichkeit abspielt.

Bei der dritten Käte Hamburger Lecture des Kollegs stellte Prof. David Chandler, seit Oktober Senior Fellow am Kolleg, den Niedergang der Öffentlichkeit als dem ehemaligen Zentrum politischen Lebens in unseren modernen Demokratien zur Diskussion. In der heutigen vernetzten, multipluralen und komplexen Welt, hat sich unser Verständnis von Politik verschoben, so David Chandler, Professor für Internationale Beziehungen an der University of Westminster. Es findet eine Vergesellschaftung von Politik statt, die das Innere von Gesellschaften in den Mittelpunkt stellt und alles auf Kultur zurückführt.

Laut dem dominierenden diskursiven Verständnis hat sich seit dem Ende des Kalten Krieges aufgrund nicht-intendierter Nebeneffekte und indirekter Implikationen in der globalen, vernetzten und komplexen Welt die Art, wie wir Probleme verstehen, geändert. Die Erkenntnis von der Nichtlinearität der Welt, eingeschränkter Rationalität und Pfadabhängigkeit begrenzt Macht und Politik. In Folge hat sich der Fokus von Politik von der Makroebene, wie Institutionen, auf die Mikroebene - ins Innere der Gesellschaften - verschoben. Die neue Reflexivität über unsere soziale Einbettung überträgt den Einzelnen viel Verantwortung. Chandler zieht drei kritische Schlussfolgerungen aus dieser Wandlung unseres Politikverständnisses: Erstens, da alles auf Gesellschaft und Kultur zurückgeführt wird, wird Kultur zu dem Erklärenden und zur Erklärung. Zweitens können Politiker nicht mehr allein verantwortlich gemacht werden. Vielmehr wird ihre Verantwortung zu einem reinen formalen Akt. Und schließlich führt dieser Wandel zu einer Entmenschlichung, da die Menschen zum Problem werden, wenn jeder verantwortlich wird und im Sinne von Prof. Thomas Pogge, eine "Politik nach Oskar Schindler" verfolgen muss.

Die Lecture wurde kommentiert von Dr. habil. Volker Heins, Leiter des Forschungsbereichs "Interkultur" am Kulturwissenschaftliches Intitut Essen (KWI), und Kai Koddenbrock, Fellow am Global Public Policy Institute (GPPi), Berlin.

Zeit: 6. Februar 2013, 16.15h - 18.00h
Ort: Gerhard-Mercator-Haus (Universitätscampus Duisburg, Lotharstr. 57)

Einladung

Bericht (en)